Öffentlicher Diskussionsabend -  “Unverzichtbar oder Unmenschlich? Tierversuche zwischen Erkenntnisgewinn und Quälerei.“

Am 10.11.2015 wurde als Teil des öffentlichen Vortragsabends unserer Loge folgender Impulsvortrag gehalten:


"In unregelmäßigen Abständen tauchen in einigen Medien aufsehenerregende Nachrichten und vor allem Bilder auf, die angebliche Grausamkeiten in Tierexperimenten zeigen, woraus ein allgemeines Verbot von Tierversuchen abgeleitet wird. Von der wissenschaftlichen Seite werden diese Bedenken häufig mehr oder weniger lust- und vielleicht auch mutlos abgewiegelt. Gründe hierfür liegen vielleicht in einem mangelnden Interesse, die Bevölkerung über die eigenen Methoden und deren Sinnhaftigkeit zu informieren oder auch an fehlender Zeit und einer schlicht unzureichenden Öffentlichkeitsarbeit. Auf jeden Fall scheint mir die Tierschutzlobby was die Verbreitung ihrer Thesen angeht, engagierter und auch erfolgreicher zu sein. Denn wer will schon, dass Hunde oder Affen getötet werden?


In den letzten Jahren hat sich auch dieses Thema zunehmend in die sozialen Medien verlagert, was aber, wie so oft, nicht unbedingt hilfreich für eine sachliche Diskussion war. Aber was kann man denn an Fakten festhalten zum Thema Tierversuchen?

Im Jahr 2013 wurden knapp 3 Millionen Wirbeltiere (Wirbellose Tiere müssen bis auf wenige Ausnahmen nicht angezeigt werden und Gegensatz zu Versuchen an Wirbeltieren müssen diese in keinem Fall genehmigt werden – eine historische, wenn auch naturwissenschaftlich nur schwer zu haltende Trennung) verwendet, was nach einem Jahrzehnt des Anstiegs erstmals ein leichter Rückgang war. Wichtige Anwendungsbereiche sind die Grundlagenforschung (genveränderte Mäuse und zunehmend auch Ratten), die toxikologische Prüfung und die Arzneimittelforschung. Zu den am häufigsten genutzten Tieren gehören Mäuse, Ratten und mit einigem Abstand Fische. Hunde, Affen und Katzen stellen nur einen Bruchteil der Versuchstiere, auch wenn sie meistens die mediale Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Der Grund könnte darin liegen, dass wir für die eben genannten Haustiere eine größere Empathie empfinden bzw. vor allem Affen uns so ähnlich erscheinen. Vielleicht wären Tierversuche nur an Nagern leichter der Öffentlichkeit zu „verkaufen“, aber würde sie das besser machen? Auch gegen den Einsatz von Schweinen oder Kühen in Tierversuchen lässt sich nur schwer argumentieren, wenn jährlich alleine in Deutschland 700 – 800 Millionen Schlachttiere getötet werden.


Und was ist mit der Sinnhaftigkeit? Im §1 des Tierschutzgesetzes  findet sich die interessante Formulierung: „Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“


Diese zwei Sätze beschreiben eigentlich gut, wie die Stellung von Tieren vor dem Gesetz ist:

Mitgeschöpf ja, Leben und Wohlfühlen auch ja, jedoch ist Töten und notfalls Schmerzen verursachen ok, wenn es sein muss. Später wird noch detaillierter darauf eingegangen, dass Schmerzen, Leiden und Schäden so gut es geht mit allen möglichen Mitteln (z. B. Betäubungsmitteln) abgemildert oder besser noch vermieden werden müssen. Auch ist es mit zunehmendem Maß der verursachen Schmerzen oder Leiden immer schwieriger, einen Versuch genehmigt zu bekommen und es muss ein wirklich großer Erkenntnisgewinn zu erwarten sein – aber ihre Verursachung ist nach dem Gesetz prinzipiell gestattet.

Aber sind Tierversuche ein vernünftiger Grund? Geht man zu den Kritikern, wird man ein eindeutiges Nein hören, manchmal sogar der Versuch unternommen, dies wissenschaftlich zu untermauern. Die PETA geht sogar so weit und behauptet, 99 % der so gewonnen Erkenntnisse ließen sich nicht auf den Menschen übertragen und die Experimente und die damit verbundenen Leiden seien dadurch sinnlos.


Wenn man mit dieser Meinung zu Wissenschaftlern geht, erfährt man höchstens ungläubiges Kopfschütteln. Denn was man auch festhalten kann, ist, dass auch aus den unterschiedlichsten, uns scheinbar nur wenig verwandten Arten wie Kopffüßlern, Fadenwürmern, Fliegen und sogar Bakterien Erkenntnisse gewonnen werden können, die sich auf den Menschen übertragen lassen und das Fundament von zahlreichen wissenschaftlichen Disziplinen begründet haben.


Allgemein lässt sich sagen, dass entgegen aller Beschwörungen seitens der Tierschützer es ohne Tierversuche zu einer drastischen Reduzierung der Forschungsleistung in den Bereichen der Grundlagenforschung und zu einem Einbruch bei der Entwicklung und Risikoabschätzung von neuen Substanzen kommen würde. Die häufig genannten Alternativmethoden bieten hierfür noch keinen Ersatz, sondern dienen als durchaus wichtige Ergänzung. Man könnte am ehesten sagen, dass weder Tierversuche noch Alternativmethoden alleine die besten Ergebnisse liefern, sondern ihre Kombination und wissenschaftliche Bewertung zurzeit am sinnvollsten sind. Verschweigen sollte man hier jedoch nicht, dass für zahlreiche offiziell nicht als Tierversuche deklarierte Experimente Zellen aus Tieren benötigt werden, was oft mit deren Tötung verbunden ist. Auch wird häufig für die Kultivierung von Zellen Serum aus fötalen Kälbern benötigt, welches nicht ohne deren Tod gewonnen werden kann.


Ihr habt gesehen, ich bin in diesem Punkt vielleicht etwas einseitig, jedoch kann ich nur davon erzählen, was ich weiß und erlebt habe und das ist in diesem Fall klar für eine Notwendigkeit von Tierversuchen. Weiterhin halte ich es sogar für wichtig, dies klar zu kommunizieren und auch gerne zu diskutieren, um einer einseitigen, emotional aufgeladenen Propagandaschlacht entgegenzutreten!

Ein weiterer Aspekt, der in dieser Thematik nicht außer Acht gelassen werden sollte, ist der ethische. Die Verwendung in Tierexperimenten aber auch zur Nahrungsproduktion oder für zahlreiche andere Anwendungen ist nur konsequent mit der Haltung, die im zuvor erwähnten §1 des Tierschutzgesetzes eingenommen wurde. Doch ist sie richtig? Es wird sogar von einer Verantwortung des Menschen gegenüber dem Mitgeschöpf gesprochen. Werden wir ihr gerecht, wenn wir Tieren Leiden zufügen und sie töten? Der Moralphilosoph Peter Singer geht davon aus, dass alle Tiere, die das Interesse haben, Schmerzen zu vermeiden, das gleiche Recht auf Unversertheit haben, wie Menschen. Demnach wäre eine Forschung an menschlichen Embryonen, denen kein Interesse an Schmerzvermeidung und Lebenserhaltung unterstellt wird,  in Ordnung, Versuche an Mäusen „Speziesismus“, vergleichbar mit Rassismus oder Sexismus. Doch wer entscheidet und woran macht er es fest, wann ein Tier schmerzempfindlich ist? Wird es an einer bestimmten Entwicklungsstufe des Nervensystems festgemacht? Und wieso gilt es nur für Tiere? Auch Pflanzen kommunizieren, empfinden Stress und hat nicht jedes Lebewesen ein natürliches Interesse, zu leben und sich fortzupflanzen? Ist dies doch die Triebfeder der Evolution. Sollten wir daher Pflanzen abwerten, nur weil wir sie nicht schreien hören können?

Noch weiter geht die Position der Rechte der Tiere. Diese verleiht allen Tieren ähnliche individuelle Rechte wie Menschen, was Zwangsmaßnahmen und Bevormundungen jeglicher Art, also Tierhaltung generell, unmöglich machen würde. Hier stellt sich die Frage, wie man Lebewesen Rechte verleihen kann, ohne dass diese eine Chance haben, ihre Rechte zu verstehen und entsprechend zu handeln. Auch hier scheint mir eine Fokussierung auf Tiere inkonsequent. Aber wie sähe eine Gesellschaft aus, die lebt, ohne andere Lebewesen zu töten oder zu belasten. Selbst ein sich quasi nur von Fallobst ernährender Fruitarer schränkt das Interesse der Pflanze ein, sich fortzupflanzen.


Daher scheint unser Überleben nur auf Kosten anderer möglich zu sein. In diesem Punkt hat sich seit Beginn der Zivilisation nichts geändert und das wird es wohl auch sobald nicht.  Gibt es auf diese Weise überhaupt die Möglichkeit eines Miteinanders? Führt dies dann zurück zu dem Kompromiss, wenigstens die verursachen Leiden zu reduzieren und werden wir überhaupt dieser Minimalforderung in Deutschland gerecht?"


Wesentliche Punkte waren die Überlegung, dass aus wissenschaftlicher Sicht Tierversuche zurzeit noch unverzichtbar seien, da Alternativmethoden in der Regel noch keinen angemessenen Ersatz leisten können. Diese Haltung wird auch durch das Tierschutzgesetz unterstützt. Alternativmethoden stecken noch in den Kinderschuhen und leiden unter schlechter Sensitivität und Spezifität, wobei auch Tierversuche immer auf diese Kriterien überprüft werden müssen. Zudem arbeiten sie auch häufig mit biologischem Material, welches aus Tieren gewonnen werden muss. Basierend hierauf fand eine anregende Diskussion statt, wobei jedoch immer eine brüderliche Atmosphäre zugegen war. Wie häufig bei unseren Vortragsabenden wurden neue, vom Vortragenden noch gar nicht bedachte interessante Punkte und Themen eingebracht und erörtert.

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