Weiße Arbeit mit Spectemur Agendo & Tusculum / Vortrag "Vorbild und Identität"

Am Dienstag fand zum ersten Mal eine weiße Arbeit mit unseren befreundeten Logen Spectemur Agendo und Tusculum statt. Im Rahmen dieser Arbeit hielt unser Br. Wolfgang einen Vortrag mit dem Titel "Vorbild und Identität - oder Erkenne dich selbst":

 

Als Ziel des „Erkenne dich selbst“ werden häufig verkürzt nur die Negativmerkmale unseres Charakters fokussiert, unserer Fehler, Schwächen und Wertedefizite, die es anschließend abzubauen gilt. Das erkenne dich selbst hat aber durchaus auch eine positive Seite, nämlich wenn es darauf gerichtet ist, sich seine wirklichen Neigungen, Hoffnungen, Fähigkeiten, Ziele ja sogar Träume bewusst zu machen. In beiden Fällen geht es darum, Irrtümer auszumerzen, mein Leben aktiv zu gestalten, danach auszurichten, was ich wirklich will und bin. 

Sind wir hilflose Reisende auf der für uns vorgegebenen Spur unserer Herkunft, von außen uns angedienter Vorbilder, der Gesellschaft, der wir angehören und deren Wertesystem? Oder sind wir in der Lage, aus solchen fremdbestimmten Mustern, dem Mainstream auszubrechen und autonom unseren ganz eigenen Weg zu suchen und zu finden? Diese Frage haben wir kürzlich äußerst lebhaft am Beispiel von Berufswahl und Berufsleben diskutiert. 

 

Unter Identität verstehen wir die Gesamtheit der Merkmale, die einer Person Einmaligkeit/Unverwechselbarkeit /Individualität verleihen. Identität lässt sich als Antwort auf die Fragen verstehen: Wer bin ich, warum handele ich, wie ich handle, empfinde ich, wie ich es tue? Wodurch unterscheide ich mich von jemandem/jedem anderen? Identität dient der Selbstverortung. Wo stehe ich in der Gemeinschaft mit anderen Identitäten. Identität dient also der Bestimmung meines ganz persönlichen Sinnes. 

 

Vorbilder sind demgegenüber Personen und Verhaltensmuster, die von außen auf uns einwirken, sich uns als geeignete Lösung für unsere eigene Charakterbildung und Lebensführung empfehlen, häufig zur Identifikation führen. Der Begriff Vorbild ist ein wenig euphemistisch. Er suggeriert eine positive Auswirkung auf die Rezipienten, lenkt davon ab, dass es auch schlechte Vorbilder gibt, dass Vorgaben, die für den einen richtig sind für den andern gar nicht passen mögen. 

 

Vorbilder erleichtern, bestimmen unsere Entscheidungen, aber sind es dann noch unsere? Vorbilder können zweifellos eine wichtige Orientierung sein und sicherlich mangelt es unserer Gesellschaft bisweilen an vorbildhaften Einzelpersonen. Aber Vorbilder entlasten uns auch von Verantwortung, davon unseren eigenen Weg zu erkennen, zu finden und konsequent zu beschreiten. Sie sind ein Hilfsmittel für diejenigen, denen die Bereitschaft oder Fähigkeit der Selbstreflexion, der bewussten eigenständigen Lebensgestaltung fehlt, für die anderen aber letztlich nur zweite Wahl. 

 

Die Bildung von Identität beginnt mit der Übernahme erlebter/mir vorgelebter Vorbilder, mit Identifizierung. Gerade der neugeborene, der junge Mensch identifiziert sich schnell mit etwas Außenstehenden, Ideen, Idealen, einzelnen Menschen oder Gruppen. Dadurch, dass wir uns bestimmten Gruppen zugehörig fühlen, soziale Rollen innerhalb dieser Gruppen übernehmen, nehmen wir die Merkmale der Gruppenidentität als eigene Wesensmerkmale an. Solche Identifikations-Subjekte/Objekte können eine Nation und ihre Kultur sein, die Familie, eine politische oder religiöse Gruppierung, deren Werte, Empfindungen, Ziele, die ich als meine eigenen übernehme. Eine äußerst wichtige Rolle bei solchen Identifizierungsmechanismen spielen Herkunft und Erziehung. 

 

Identifizierung ist aber nur ein Aspekt bei der Erlangung von Identität, uns zwar angeboren, aber passiv, zu einem großen Teil unbewusst.. Der andere ist die aktive, bewusste Entwicklung eigener, wirklich persönlicher Merkmale. Durch mein Erleben, meine Erfahrungen entstehen Verhaltensmuster, Neigungen/Abneigungen, individuelle Wertvorstellungen/Unwertvorstellungen. 

 

Beide Prozesse stehen in einer Wechselwirkung zueinander. Entwickelt sich beispielsweise die Identität einer Kultur, Nation, politischen oder religiösen Gruppierung in einer Art und Weise, die mit den von mir selbst entwickelten persönlichen Merkmalen und Überzeugungen nicht/nicht mehr harmoniert, werde ich neue Identifikationsobjekte suchen, wie umgekehrt natürlich die von mir als Teil der Gruppe entwickelten Merkmale und Überzeugungen wiederum die Gruppenidentität beeinflussen. Meine Identität wird also einerseits durch Gruppenzugehörigkeiten und die Rolle bestimmt, die ich innerhalb der Gruppe übernehme (Identifikation), das „Wir“, andererseits durch die Erfahrung meiner Einzigartigkeit, indem ich mich als anders erlebe, das „Ich“. 


Wenn wichtige Gruppenzugehörigkeiten verloren gehen (Familie, Volk, Staatsangehörigkeit, Nation, Religion) kann dies zu Identitätsverlusten führen. Wenn die betroffene Person sich nicht mehr mit diesen Gruppen identifiziert oder identifizieren kann, ist sie, zumindest vorübergehend, physisch und psychisch isoliert. Auf der anderen Seite ist die Identifikation mit einer Gruppe häufig das Ergebnis des letztendlich zufälligen Umfeldes, in das ich hineingeboren werde, von Erziehung und äußeren Zwängen. Der Verlust oder auch der bewusste Ausbruch aus einer bisherigen Identität kann ein Akt der Emanzipation sein, der Lösung von fremdbestimmten Identitäten. 

Ein Mensch verliert seine Identität, wenn er sich so verändert , dass wesentliche Merkmale entfallen, anhand deren er bislang identifiziert wurde und sich selbst identifizierte. 

 

Identitäten sind nicht statisch, von der Geburt bis zum Tod festgelegt. Sie entwickeln und verändern sich. Bei der Geburt ist die Identität noch nicht vorhanden, jedenfalls nicht in der Form eines entwickelten Bewusstseins, wer ich bin und wohin ich will. Anfangs wird sie sich überwiegend fremdbestimmt entwickeln, durch Vorbilder, das Angebot und Vorleben von Identifikationsobjekten, durch Erziehung. Mit zunehmendem Alter sucht der Mensch sich eigene Wege, gewinnt persönliche Erfahrungen und Schlussfolgerungen hieraus für sein weiteres Leben, sollte es jedenfalls.

 

So kommt es vor, dass ich mich plötzlich fremd unter den Personen/Gruppen fühle, mit denen ich mich zuvor identifiziert habe. Mein persönliches Erleben, meine Erfahrungen führen mich in eine andere, eine neue Richtung, und das ist wichtig. 

 

Platon lässt Sokrates folgende Worte sprechen: 

 

„Charakterzüge, Gewohnheiten, Meinungen, Begierden, Freuden und Leiden, Befürchtungen: alles das bleibt sich in jedem einzelnen niemals gleich, sondern das eine entsteht, das andere vergeht.“ 

 

Identität ist also grundsätzlich nicht statisch/dauerhaft, kann es aber werden, wenn ich das wichtigste Element einer gesunden Identität missachte, die Selbstreflexion, die zur Selbsterkenntnis führt, das entscheidende Regulativ, um falsche Identifikationen und fehlerhaft ausgedeutete Erfahrungen zu korrigieren. Wenn ich als Kind misshandelt werde, kann ich mich mit diesem Verhaltensmuster der Eltern identifizieren und zulassen, dass dies meine Haltung zu den eigenen Kindern prägt, was erschreckend häufig geschieht. Wir imitieren, was wir erleben und als normal vorgeführt erhalten. Erst durch die Reflexion: Wie hast du dich damals gefühlt? Hast du die erlebten Misshandlungen als angemessen und gerecht, als vorbildhaft empfunden? Kann ich aus der falschen Identifikation entkommen. Das „Erkenne dich selbst“, hinterfrage dein Leben, Verhalten, deine Wertvorstellungen und Handhabung von gut und böse, richtig und falsch, sind wesentliche Bedingung für die Entwicklung einer wertigen Identität und damit letztendlich für ein glückliches Leben. 

 

Erkenne dich selbst heißt: Lese in dir, wie in einem Buch. Hinterfrage deine Impulse, Überzeugungen und Haltungen zu deinem Leben und dem deiner Mitmenschen. Reflektiere die Vorgaben deiner bisherigen Vorbilder und Identifikationsobjekte und die Schlussfolgerungen, die du vielleicht voreilig aus deinen persönlichen Erfahrungen gezogen hast. Dieses erkenne dich selbst ist die elementare Kontrollinstanz, das Regulativ für fragwürdige Identitäten, ein Leben, Ziele, einen Beruf, die nicht wirklich für dich bestimmt sind. Sonst laufe ich Gefahr, in der Oberflächlichkeit hängen zu bleiben, unkritisch etwa den Modellen meines Vaterlandes, meiner Kultur, meiner Eltern, generell fremdbestimmten Identitäten, verhaftet zu bleiben, oberflächlich dem hinterher zu laufen, was mir spontan Vergnügen und Lust bereitet oder auch mangels erprobter Alternativen zu bereiten erscheint. 

Identitäten sind unendlich vielfältig. Sie sind ein Gesamtkunstwerk aus Herkunft, Charakter, individuellen Erfahrungen, Vorlieben, Idealen, Neigungen und Abneigungen. Was bedeutet mir mein Heimatland, die Familie, beruflicher Erfolg, Wohlstand, Kultur, Kunst, was bereitet mir Langeweile und Desinteresse? 

 

Die Identität als Einzigartigkeit und damit gleichzeitig als Garant für Vielfalt, Individualität und Kreativität, ist ständig in Gefahr. In Gefahr, aus Einfalt und Unachtsamkeit fremdbestimmt zu werden, nicht mehr meine Identität sondern die Wunschidentität Aussenstehender/eigentlich Fremder zu sein. Vielfalt ist dem Kapital und den es repräsentierenden Unternehmen verdächtig, erschwert unnötig den Zugang zum Konsumenten, verteuert die Produktion, steigert das unternehmerische Risiko, reduziert den Profit. Simple Identitäten, die massenhafte Identifikation mit einheitlichen Marken und Produkten, die einen globalen „Mainstream“ bilden, gilt es zu fördern. Besser noch von den Produzenten und ihren Helfern nach ihren Vorstellungen gestaltete und dem Konsumenten implantierte Identitäten. Selbstreflexion, kritisches Hinterfragen der schönen neuen Welt von Amazon, Apple und Facebook erschwert den erstrebten wirtschaftlichen Erfolg. Logarithmen machen den einzelnen berechenbar, ermöglichen es, Gemeinsamkeiten aus einer unendlichen Vielzahl von Identitäten herauszufiltern, sie gezielt zu fördern. Logarithmen bestimmen den kleinsten gemeinsamen Nenner möglichst großer Bevölkerungsgruppen, deren Präferenzen dann wieder als meinungsbildend für die anderen genutzt werden können. Und plötzlich hört man weltweit die gleiche Musik, applaudiert den gleichen Büchern und Filmen, trägt die gleiche Mode und reiht sich gehorsam in die endlosen Schlangen vor den Apple Stores ein, weil die neueste Auflage des iPhone unbedingt identitätsprägend ist. 

 

Unter Identitätsdiebstahl versteht man herkömmlich den Missbrauch der Daten einer fremden Person. Ich verstehe darunter eher den systematischen Versuch, unsere Vorbilder, Ideale, Ziele zu vereinheitlichen, die theoretisch unendliche Vielfalt auf profitoptimierte Weltkultur-Produkte zurückzustutzen. Manchmal fühle ich mich ein wenig fremd in der Gesellschaft, die sich mir so überaus allgegenwärtig und hartnäckig zur Identifizierung anbietet, zur Übernahme von Werten, in denen sich meine persönliche Identität so gar nicht wieder finden mag. 

Download
Den Vortrag "Vorbild und Identität" können Sie hier herunterladen.
Vorbild und Identität.pdf
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