Öffentlicher Diskussionsabend: "Alles Lügenpresse?"

Gestern Abend (12. April 2016) führten wir eine spannende Diskussion zum Thema Freiheit der Presse und dem Umgang mit einer Flut von (Kurz-)Informationen, der mit folgendem Impulsvortrag eingeleitet wurde:

 

"'Lügenpresse - halt die Fresse' schallt es einem auf manchen Demonstrationen entgegen und in einer Umfrage des Meinungsforschungsunternehmens infratest dimap gaben 20 Prozent der Befragten Ende letzten Jahres an, dass sie persönlich von „Lügenpresse" sprechen würden, wenn sie an Zeitungen, Radio und Fernsehen in Deutschland denken. 

Doch was bedeutet dieses Wort eigentlich und warum ist es nun in aller Munde? Wo kommt es her? Haben die Menschen wirklich kein Vertrauen in die Medien mehr? Und - gibt es vielleicht sogar allen Grund dazu?

Der Begriff „Presse“ kommt ursprünglich von dem Wort „Druckerpresse“ und wurde zunächst für alle Arten von Druckerzeugnissen verwendet. Heute versteht man unter dem Begriff eher die Gesamtheit aller Zeitungen und Zeitschriften in jeglicher Form sowie für das damit zusammenhängende Nachrichten- und Meinungswesen. 

Etwa zu der Zeit als die Presse begann sich zu etablieren, vor etwa 400 Jahren, wurde ihr auch schon eine etwas einseitige Berichterstattung vorgeworfen - und das nicht immer zu Unrecht. Das Wort Lügenpresse selbst lässt sich seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts nachweisen. Es ist keine Erfindung der Nazis und wurde im Laufe der Zeit von nahezu allen politischen Lagern verwendet.

Heute ist die Arbeit der Presse in Deutschland besonders mit dem Artikel 5 des Grundgesetztes geschützt, der besagt:

„Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.

Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.“

Hier findet sich also das Recht auf eine unabhängige Berichterstattung, sowie das Recht auf freie Meinung in Kombination. Ich kann also meine Meinung frei in einer Zeitung äußern, solange ich nicht gegen geltendes Recht verstoße und beispielsweise den Holocaust leugne. 

Eine Lüge ist eine Aussage, von der der Sender weiß oder vermutet, dass sie unwahr ist, und die mit der Absicht geäußert wird, dass der Empfänger sie trotzdem glaubt.

Der Pressekodex des Deutschen Presserates verbietet das Lügen im ersten von 16 Punkten:

„Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse. Jede in der Presse tätige Person wahrt auf dieser Grundlage das Ansehen und die Glaubwürdigkeit der Medien.“

Somit ist zumindest auf dem Papier klar: Lügen ist für die Presse verboten.

Doch ein gewisses Misstrauen bleibt. Schließlich lügen wir alle jeden Tag mehrmals. Im Internet kursieren Informationen, die besagen, dass wir sogar bis zu 200 Mal am Tag lügen. Einen echten Beleg dafür lässt sich leider nicht finden, sodass auch diese Zahl vermutlich nur eine Lüge ist. 

Es wird vielleicht nicht so oft gelogen, aber es wird gelogen. Lügen dienen dazu, einen Vorteil zu erlangen, zum Beispiel um einen Fehler oder eine verbotene Handlung zu verdecken und so Kritik oder Strafe zu entgehen. Gelogen wird auch aus Höflichkeit, aus Scham, aus Angst, Furcht, Unsicherheit oder Not. Lügen dienen uns als sozialer Kitt. Wir wollen, dass man uns weiter zuhört, dass man uns interessant findet, dass man sich wieder trifft, wollen niemandem weh tun, und so weiter, und so fort…

Also warum sollte dann gerade die Presse nicht lügen? Ist es manchmal nicht sogar sinnvoll, wenn sie nicht immer ganz bei der Wahrheit bleibt? Zum Beispiel, wenn es die gesamtwirtschaftliche Situation eines Landes schützen kann? So wirkte beispielsweise in den Jahren 1856 und 1857 die französische Regierung massiv auf die Finanzpresse ein um die drohende Weltwirtschaftskrise doch noch abzuwenden und die panisch verkaufenden Wertpapierhändler zu einem Umdenken zu bewegen.

Und schließlich sitzen doch auch hinter der Presse nur Menschen wie wir, die nur das beste für sich oder andere wollen.

 

Doch wer sind denn eigentlich wirklich die Menschen hinter den Medien?

Ein erster Blick auf die Medienlandschaft lässt eine Vielfalt an Informationsgebern vermuten. Hier finden sich 335 lokale und regionale Tageszeitungen, sowie große, einflussreiche und überregionale Zeitungen wie BILD, FAZ, Süddeutsche und die Zeit. 

Doch trotz der großen Vielfalt an Titeln und Produkten ist die Zahl der eigenständigen Verlage seit Mitte der fünfziger Jahre in Deutschland stetig zurückgegangen. Wirtschaftlich und technisch führende Verlage konnten in verschiedenen regionalen Märkten Konkurrenten verdrängen. Die wirtschaftliche Entwicklung auf dem Pressemarkt hat zur Bildung großer Verlagsunternehmen geführt. Führend ist hier die Bertelsmann AG, zu denen nicht nur die RTL-Gruppe, sondern auch das Verlagshaus Gruner & Jahr mit Publikationen wie der Stern und National Geographic, sowie einige Firmen, die sich mit dem Druck selbst und der Distribution von Druckmitteln beschäftigen.

Kurz dahinter kommt, nach der ARD, der Verlag Axel Springer mit Veröffentlichungen wie der BILD, Welt, Handelszeitung, BZ und Rolling Stone. Für einige Zeit arbeiteten Axel Springer und Bertelsmann jedoch auch zusammen im Bereich des Drucks im Rahmen einer Joint Venture.

Ebenfalls in Verbindung stand zeitweise ein weiterer großer Spieler: Die Hubert Burda Media. Diese kaufte in den 80er-Jahren Anteile von Axel Spinger, bringt unter anderem den Fokus heraus und sendet hauseigene Formate wie „Faszination Leben“ oder „GRIP - Das Automagazin“ bei RTL - einem Teil von Bertelsmann.

Ebenfalls große Medienunternehmen in Deutschland sind die ProSiebenSat1-Media, die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck, die Bauer Media Group, Weltbild, das ZDF und die Funke Mediengruppe. 

Auffallend ist, dass viele dieser größten Medienunternehmen Deutschlands in Familienbesitz sind. So gehört Bertelsmann der Bertelsmann-Stiftung, die wiederum zum großen Teil in Besitz der Erben des ehemaligen Bertelsmann-Besitzers Reinhard Mohn ist und von einem Kuratorium kontrolliert wird, deren Vorstandsvorsitzender Werner Bauer, unter anderem, gleichzeitig Generaldirektor bei der Nestlé AG ist. 

Der Verlag Axel Springer wird zwar von Mathias Döpfner, einer auch nicht gerade unumstrittenen Person, geleitet, doch eine nicht zu verachtende Zahl von Anteilen hält die Witwe des ehemaligen Geschäftsführers, die ebenfalls eine Zeit lang den Verlag leitete. Sie gilt auch als gute Bekannte Angela Merkels. 

Weitere Verflechtungen mit der Politik finden sich auch in den Kontrollgremien der öffentlich-rechtlichen Sender. So ist seit 2012 der ehemalige CDU-Landtagsabgeordnete und Staatssekretär des saarländischen Arbeitsministeriums Martin Karren Verwaltungsdirektor des Saarländischen Rundfunks. Über ihm sitzt lediglich der Intendant. 

Auch andersrum funktioniert der Wechsel: Die Journalistin Susanne Gütte ist seit diesem Monat Sprecherin des Bundesfamilienministeriums. Zuvor hatte sie jahrelang beim Privatfernsehen gearbeitet. Zuletzt bei N24 und RTL2.

Wenn man sich also diesen Dschungel von Verstrickungen betrachtet, kann man tatsächlich auf die Idee kommen, dass hier und da ein wenig beschönigt oder aufgebauscht wird oder vielleicht sogar ein wenig gelogen wird.

Gerade das Aufbauschen von Informationen scheint ein gutes Erfolgsrezept zu sein, schließlich geht es ja den Medienmachern nicht nur um die reine Berichterstattung, sondern auch um das Verkaufen ihrer Medien. Letzten Endes entscheidet schließlich die Auflage darüber wie viel ich für eine Anzeige verlangen kann.

Nehmen wir zum Beispiel die Tageszeitung BILD. Sie erreicht, zusammen mit der in Berlin erscheinenden B.Z., 10,35 Millionen Leser pro Ausgabe mit einer Auflage von etwa 2.220.000. BILD selbst bewirbt ihre Anzeigenkunde mit dem Satz „Die perfekte BILD-Schlagzeile sorgt dafür, dass Deutschland jeden Tag die BILD aufschlägt“, und verlangt für eine ganze Seite Werbung 495.000€. 

Wir wollen also anscheinend die schnelle und einfache Erklärung auf dem Silbertablett serviert bekommen. Am liebsten wollen wir innerhalb einer Schlagzeile schon alles erklärt haben, das wir wissen müssen.

Der Soziologe Armin Nassehi spricht davon, dass es „derzeit in Europa eine Sehnsucht nach einfachen Erklärungen für eine außerordentlich komplizierte Welt gibt“. Das spielt sicherlich auch im Moment vielen Populisten in die Karten.

Zum Glück scheint es aber immer noch Journalisten zu geben, die sich Zeit nehmen sich in solche Sachverhalte einzuarbeiten und sie informativ aufzubereiten. Als aktuelles Beispiel lassen sich hier im Moment wohl die Schreiber des „ICIJ“, des Internationalen Konsortiums der investigativen Journalisten, nennen, die mit ihren Enthüllungen der „Panama Papers“ von sich reden machen. Sie werteten über ein Jahr lang 2,6 Terrabyte an Daten aus, verschafften sich einen Überblick, bereiteten alles auf und gingen dann erst an die Öffentlichkeit. 

 

Doch auch hier zeigt sich, dass diese Welt nicht einfach ist. Sie ist verworren und voller Widersprüche. Es gibt nicht die eine Lösung. Je tiefer man sich in einen Sachverhalt einarbeitet, umso besser versteht man ihn - oder man versteht, dass man ihn nicht verstehen kann, oder das das Problem vielleicht ein ganz anderes ist. 

 

Doch ist es die Wirtschaft, die hier an allem Schuld ist? Sind es die großen Konzerne, die dem Neokapitalismus freien Lauf lassen und uns damit in den Wahnsinn treiben? Sind es vielleicht doch die Politiker? Die CIA? Oder doch einfach nur die Freimauerer oder Illuminaten?

 

 

Ich frage mich: Wie können wir also dieser Flut an Kurzinformationen begegnen? Wie können wir lernen damit umzugehen? Wie können wir herausfinden, ob etwas tatsächlich gelogen, aufgebauscht oder falsch dargestellt wird? Haben wir nicht auch eine Verantwortung für das, was wir da konsumieren und wie wir es konsumieren? Ist es nicht wie bei jedem Konsum? Schließlich haben wir doch auch eine Verantwortung für das Essen, das wir essen und das Handy aus China mit dem tollen neuen Design."

 

Sollten Sie auch einmal mit uns und anderen Gästen diskutieren wollen, freuen wir uns auf Ihre Nachricht.

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