Öffentlicher Diskussionabend: "Zwischen Rausch und Verantwortung"

 

Gestern Abend (14. Juni 2016) fand unser öffentlicher Diskussionsabend statt. Thematisiert wurde dieses Mal der Umgang einer Gesellschaft mit Rauschmittel. Der Referent, der beruflich regelmäßig mit diesen Stoffen, ihren Wirkungsweisen und ihren Folgen zu tun hat, gab einen ersten Überblick über das gesamte Spektrum der Drogen. Anschließend näherte er sich der Frage, wie wir als aufgeklärte und verantwortungsbewusste Bürger mit solchen Stoffen umgehen können und in wie weit der Staat in diesen Bereich eingreifen sollte oder ob Freiheit nicht doch ein noch höheres Gut darstellt als der Schutz vor sich selber. Diese Fragen wurden eingehend und lebhaft mit allen Anwesenden diskutiert.

 

Den einleitenden Vortrag können Sie in gesamter Länge hier nachlesen:

 

"Dieser Monat ist wieder Drogenmonat. Denn der neue Drogenbericht der Bundesregierung ist da. Es wird geredet über Jugendliche, die sich wieder weniger ins Koma saufen, über Manager, die wieder mehr koksen und über Kinder, die schon früh vom Computer abhängig werden. Und dann wird da auch immer mehr gekifft.

Warum tut da eigentlich niemand was? Warum ist die Politik machtlos? Und sollte da eigentlich wirklich überhaupt jemand etwas tun? 

Im Februar forderte der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan, dass alle Drogen weltweit legalisiert werden sollten. Und mehr noch: Der Staat sollte die Drogen sogar noch beschaffen und den Konsumenten zugänglich machen. Warum sollte der Staat das tun? Hatte Kofi Annan vielleicht selber ein wenig zu viel konsumiert? 

 

Doch bevor wir uns diesen sehr weit reichenden Fragen widmen, vielleicht ein wenig Grundlagenforschung:

Als Droge gilt, nach Definition der Weltgesundheitsorganisation, jeder Wirkstoff, der in einem lebenden Organismus Funktionen zu verändern vermag. Das gilt dann für den im Tabak enthaltenen Wirkstoff Nikotin genauso wie für das im Kaffee enthaltene Koffein. Wikipedia beschreibt Drogen als „im deutschen Sprachgebrauch verwendete Bezeichnung für stark wirksame psychotrope Substanzen und Zubereitungen aus solchen.“ Und weiter: „Allgemein weisen Drogen eine bewusstseins- und wahrnehmungsverändernde Wirkung auf.“

Die bekanntesten sind Tabak, Heroin, Alkohol, Cannabis, LSD, Kokain sowie Amphetamine wie Speed, Ectasy und Crystal Meth.

Am beliebtesten sind unangefochten immer noch Alkohol und Tabak, auch wenn der Konsum leicht zurückgeht. 

Doch stolze 9,7 Liter reinen Alkohol tranken die Deutschen durchschnittlich im Jahr 2013. Das entspricht etwas einer Badewanne von 137,2 Liter voll mit alkoholischen Getränken. Darin enthalten sind 106,6 Liter Bier, 21,1 Liter Wein, 5,5 Liter Spirituosen und 4,0 Liter Sekt.

Etwa 74.000 Menschen sterben im Jahr an den Folgen ihres riskanten Alkoholkonsums.

An den direkten Folgen des Rauchens sterben etwa 110.000 Menschen in Deutschland pro Jahr. Zusätzlich geht die Drogenbeauftragte der Bundesregierung von etwa 3.300 Todesfällen durch Passivrauchen aus.

Am Konsum illegaler Drogen starben in Deutschland im vergangenen Jahr 1.226 Menschen. Die meisten dieser Tode gingen auf das Konto von Heroin.

 

Doch warum nehmen Menschen Drogen? Warum trinken wir Alkohol? Warum rauchen wir? 

Es gibt viele, auch viele gute Gründe, Drogen zu nehmen und sich zu berauschen. Alkohol zum Beispiel erleichtert die Kontaktaufnahme zu anderen und entspannt. LSD bewirkt ein Gefühl, mit allem eins zu sein sowie ein tieferes Verständnis „von den Dingen“, das Gefühl von einer die Ahnung einer „höheren Wirklichkeit“ und dem „Gefühl allumfassender Liebe“ - Gefühle, die wir Freimaurer doch in gewisser Weise suchen.

Doch auch wenn es viele gute Gründe gibt sich zu berauschen, gibt es leider wie bei allem im Leben ein paar Nachteile.

Alkohol ist ein Nervengift und greift den gesamten Körper an, LSD kann latent vorhanden psychische Erkrankungen auslösen, oder ich kann auf dem Trip hängenbleiben und kann nicht mehr zwischen Realität und Halluzinationen unterscheiden.

Und wenn es dann auch noch richtig schiefgegangen ist, habe ich eine Abhängigkeit entwickelt. Von einer Abhängigkeit spricht man, wenn jemand unter dem Zwang leidet mit Hilfe von bestimmten Substanzen oder bestimmten Verhaltensweisen, belastende Gefühle zu vermeiden. 

Die meisten Süchtigen sind unter den Rauchern zu finden: Etwa 14,7 Millionen Menschen, 1,8 Millionen Menschen sind alkoholabhängig und etwa 2,3 Millionen Menschen sind vermutlich von Medikamenten abhängig. Rund 600.000 Menschen weisen einen problematischen Konsum von illegalen Drogen auf, weit verbreitet ist hier vor allem Cannabis.

 

Wenn wir also bereits jetzt ein so großes Problem mit den Drogen haben, die jederzeit verfügbar sind, warum sollten dann auch noch die bis jetzt illegalen Drogen legalisiert werden? Fallen dann nicht alle auf einmal über diese neue Droge her und fröhnen einem ausgelassenen Hedonismus?

 

Sehen wir uns das ganze mal am Beispiel von Cannabis an:

Etwa 22% der Europäer (ca. 75 Mio.) haben in ihrem Leben bereits einmal Cannabis konsumiert. Somit ist Cannabis keine unbekannte und besonders schwer zu beschaffende Droge, sondern eine, die in der Gesellschaft angekommen ist (oder sogar schon immer da war?). Viele Länder dieser Welt gehen mittlerweile offen damit um und gehen zu einer liberalen Politik über. Unsere niederländischen Nachbarn haben bereits 1976 mit einer Entkriminalisierung begonnen und können nun auf 30 Jahre Erfahrung mit dieser Form der Politik zurückblicken. Dabei zeigt sich, dass der Straßenhandel massiv zurückgegangen ist und dass zusätzliche Steuereinnahmen in dreistelliger Millionenhöhe generiert wurden. Gleichzeitig wurde der Anteil der neuen Konsumenten oder Süchtigen jedoch nicht erhöht. Diese Erfahrungen machten bis jetzt nicht nur die Niederländer sondern auch Länder, die ebenfalls eine liberale Form des Umgangs mit Cannabis pflegen, auch wenn ihre Erfahrungen bis jetzt noch nicht so weitreichend sind.

 

Anscheinend sind Menschen doch in der Lage mit einem berauschenden Mittel verantwortungsbewusst umzugehen und müssen nicht von einem übereifrigen Staat bevormundet werden. Drogen wurden immer konsumiert und werden auch weiterhin konsumiert werden. Die Frage ist nur, welche Droge wird das sein? Ich denke, dass jede Zeit ihre eigene Droge mit hervorbringt und der Umgang mit dieser immer wieder neu erlernt werden muss. Schließlich wollen wir doch, dass unsere Mitmenschen verantwortungsbewusste und mündige Bürger ihres Landes sind. Dass man Entscheidungen treffen kann, die diese beiden Adjektive verdienen, bedeutet, dass ich voll und ganz über die positiven und negativen Folgen Bescheid weiß und auch Erfahrungen machen kann, die mich an - und manchmal auch über - meine Grenzen bringen. Es bedeutet auch, dass ich meinen persönlichen Rückzugsraum haben darf, den mir keiner nehmen darf, solange ich niemanden anderen gefährde. Ich glaube, es gibt für jeden Menschen eine bestimmte Form von Rausch, die ihm etwas bedeutet, die ihn wieder runterholt, ihn entspannt, ihm neue Möglichkeiten eröffnet. Ob das nun unbedingt eine Droge sein muss, ist eine ganz andere Frage, aber sollten wir Menschen die diese Weg für sich gehen möchten, auch noch versperren? Und wenn wir ihn versperren, bewirkt es wirklich, dass Menschen diesen Weg nicht gehen? Sollten wir nicht vielleicht unterstützende Maßnahmen einleiten, die Menschen dazu befähigen verantwortungsvoll mit Suchtmitteln umzugehen? Sollten wir „Rauschseminare“ anbieten, in denen - unter Anleitung und im passenden Rahmen - mit solchen Mitteln experimentiert wird? Oder sollten wir dem ganzen einen Riegel vorschieben, einfach alle Rauschmittel, inklusive Tabak und Alkohol, an den Pranger stellen und diese verbieten? Sollten wir dafür sorgen, dass alles, was der Gesundheit schadet, verboten wird und wenn das nicht geht, zumindest an allen McDonalds-Fillialen einen Warnhinweis aufkleben? 

 

Ich hoffe ihr seht, dass der Umgang einer Gesellschaft mit dem Thema auch etwas damit zu tun haben kann, wie viel Freiheit man seinen Bürgern lässt und wie viel Verantwortung man ihnen zutraut. Versteht mich nicht falsch, ich bin nicht der Überzeugung, dass wir nun alles frei zugänglich machen sollten und jeder 15-Jährige sich an der Straßenecke Heroin kaufen kann. Doch ich bin der Meinung, dass wir uns fragen sollten, ob ein aufgeklärter Mensch nicht auch in der Lage sein sollte, mit einem Sicherheitsnetz versehen, auch mal einen kleinen Sprung zu wagen."

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0