Öffentlicher Vortrag: "Freimaurerei und Arbeit"

Im Rahmen eines öffentlichen Vortrages stellte unser Br. Redner seine Gedanken zum Thema "Freimaurerei und Arbeit"  vor. In diesem Vortrag verfolgte er mehrere Ansätze, wie Freimaurerei und Arbeit zusammenhängen, die dann gemeinsam diskutiert wurden. Diesen Vortrag können Sie hier nachlesen:

 

"Wir Freimaurer sprechen gerne von Arbeit. Wir verwenden beispielsweise Begriffe wie Tempelarbeit oder Festarbeit, deren Termine wiederum im Arbeitskalender festgehalten werden. Am liebsten sprechen wir jedoch von der Arbeit an uns selbst. Das Sinnbild des rauen Steins an dem gearbeitet werden muss begegnet uns immer wieder. Mit diesem bearbeiteten Stein, arbeiten wir dann weiter an dem Tempel der Humanität. Also auch hier wieder: nur Arbeit… 

 

Ich möchte mich heute Abend ein wenig näher mit dem Begriff der Arbeit beschäftigen, aber vor allem darüber sprechen, was die Arbeit an uns und somit die Arbeit am Tempel der Humanität mit der alltäglichen Erwerbstätigkeit zu tun hat. 

 

Den Begriff der Arbeit wirklich zu durchdringen fällt schwerer als man vielleicht erwartet. 

 

So unterscheiden sich die Tätigkeiten einer Hausfrau (und natürlich auch die eines Hausmannes) inhaltlich von denen eines Buchhalters, Bauarbeiters oder Sozialarbeiters. Vor allem aber erhält die Hausfrau keinen Lohn für Ihre Tätigkeit. Ist nun Arbeit nur etwas, für das man auch bezahlt wird? Also ein Mittel zum Zweck um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten?

 

Geht man in der Geschichte der Arbeit zurück, wird es erst etwas einfacher. Arbeit war zuallererst einmal eine körperliche Tätigkeit, die der Sicherung der Lebens(-unterhaltes) diente. So mussten die, die es nicht nötig hatten, auch gar nicht arbeiten und konnten sich den wichtigen Dingen des Lebens widmen: Beispielsweise der Kunst oder der Philosophie. 

 

Erst mit dem Erstarken des Christentums begann die Diffamierung von körperlicher Tätigkeit nachzulassen. Besonders prägend ist hierbei der Ausspruch des Paulus’: „Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen.“ Martin Luther berief sich in seiner Schrift "An den christlichen Adel deutscher Nation" ausdrücklich auf diesen Paulus-Satz und erklärte Müßiggang zur Sünde: "Müßiggang ist Sünde wider Gottes Gebot, der hier Arbeit befohlen hat. Zum anderen sündigst du gegen deinen Nächsten.“ Arbeit ist nun auch nicht mehr nur eine reine körperliche Tätigkeit, sondern sie schließt auch immer mehr geistige Tätigkeiten ein. Und Arbeit wird nun also auch zu etwas, das von allen erwartet wird und wiederum für alle gut ist. Diese Gedankengang wird immer stärker im 17. und 18. Jahrhundert und so wird von Thomas Hobbes Arbeit zum ersten Male als Quelle des gesellschaftlichen Reichtums hervorgehoben. 

Auch der letzte große Philosoph der Aufklärung, Friedrich Hegel, sieht in der Arbeit wesentlich mehr. Für Hegel ist Arbeit weitaus mehr als bloßer Mittel zum Zweck. Für ihn hat die Arbeit auch einen Wert in sich, denn sie bildet den einzelnen Menschen. Darüberhinaus kommt die Tätigkeit selbst, sowie der daraus entstandene Verdienst, der Gesellschaft zugute. 

 

Und diese zwei Gedanken Hegels sind es, die, meiner Meinung nach, entscheidend sind für eine zentrale Frage des heutigen Abends: Was hat die Arbeit an uns mit der alltäglichen Erwerbstätigkeit zu tun?

 

Zum einen ist es der Gedanke, dass Arbeit uns bildet und zum anderen, dass Arbeit der Gesellschaft zugute kommt.

 

Den Bildungsbegriff bei Hegel hier weiter auszuführen, würde für heute Abend ein wenig zu weit führen, doch möchte ich ihn im Sinne von „Formen“ verwenden. Arbeit formt uns als Mensch. Überträgt man den Gedanken einmal in die heutige Zeit, finden sich einige Aspekte, die diese Idee unterstützen. Schließlich beginnen wir unsere ersten Schritte in der Arbeitswelt mit einer Ausbildung. Diese Ausbildung verändert zum Teil auch unsere Sichtweise auf die Welt und unser Verhalten zu ihr. Lasse ich mich beispielsweise zum Polizeibeamten ausbilden werde ich mich vermutlich anders entwickeln als wenn ich eine Ausbildung zum Steuerfachangestellten beginne. Darüberhinaus erfordern die meisten Berufe eine permanente Weiterentwicklung, damit ich diesen Beruf weiter gut ausüben kann. Ein Richter sollte über die aktuelle Gesetzeslage genau so gut informiert sein wie ein Kaufmännischer Angestellter über die Funktionsweisen der neusten Version von Microsoft Excel. 

 

Doch egal welche Art von Lohnarbeit ich verrichte, ich trage meinen Teil zum Funktionieren unserer Gesellschaft bei. Ein Teil meines Lohnes fließt in die Sozialsysteme und den weiteren Teil lasse ich in die Wirtschaft fließen indem ich konsumiere. Dieser Konsum sorgt wiederum dafür, dass andere Menschen Arbeit haben, die wiederum ihre Anteile in die Systeme fließen lassen. Ich trage also etwas dazu bei, dass es uns als Gesellschaft gut geht.

 

Soviel zu den philosophischen Überlegungen zur Arbeit und wie sie uns nützen kann. Doch was ist mit der Praxis? Könnte man aus diesen Thesen nun schließen, dass es, gesamtgesellschaftlich betrachtet, doch am besten für alle wäre, einen möglichst gut bezahlten Job zu bekommen? 

 

Sehen wir uns diese Berufe einmal an:

Zu den bestbezahlten Berufen gehören in Deutschland (je nach Statistik) Unternehmensberater, Vorstandsmitglieder von Aktien-Gesellschaften, Juristen, Ärzte, Investmentbanker, Marketing- und Vertriebsleiter sowie Ingenieure. 

Diese Menschen, würden laut der These, also am meisten für die Gesellschaft tun.

 

Zum Vergleich dazu eine Auswahl der am schlechtesten bezahlten Berufe, die dementsprechend am wenigsten für die Gesellschaft tun würden: Friseure, Kellner, Kassierer, Pflegekräfte, Arzthelferinnen, Berufskraftfahrer, Hausmeister und Handwerker.

 

Ich denke, damit ist deutlich geworden, dass der Nutzen einer Tätigkeit nicht nur von der Bezahlung abhängt. Unsere Gesellschaft würde schließlich beim besten Willen nicht funktionieren, wenn wir alle Vorstandsmitglieder eines DAX-Unternehmens wären und niemand sich um uns kümmert, wenn wir alt sind. Mit diesem Hinweis möchte ich beim besten Willen keine Diskussion über Lohngerechtigkeit vom Zaun brechen, sondern lediglich darstellen, dass die Frage nach einer „wertvollen“ Arbeit nicht ganz so leicht zu beantworten ist.

 

Ist es denn nun demzufolge egal, welche Tätigkeit ich ausübe um am vielgelobten „Tempel der Humanität“ zu arbeiten und einen Beitrag zu einer besseren Gesellschaft zu leisten? Reicht es nicht, wenn ich brav meine Steuern und Sozialabgaben zahle und an Weihnachten möglichst viel Geld für Geschenke ausgebe um die Wirtschaft fleißig anzukurbeln?

 

Ich denke, es ist nicht egal, welche Tätigkeit ich ausübe. Wie ich gezeigt habe, macht Arbeit etwas mit uns. Somit können wir doch auch etwas mit unserer Arbeit machen. Wir können Sie nutzen um etwas zu verändern, denn wir können Sie uns in vielen Fällen zumindest erst einmal aussuchen. Sicher nicht jeder in vollem Umfang, aber bis zu einem gewissen Grad können wir mitbestimmen, welche Tätigkeit wir für welches Unternehmen ausüben wollen. Wenn ich ein guter Programmierer bin, muss ich nicht zwingend eine Software für VW schreiben. Wenn ich ein guter Verkäufer bin, muss ich mich nicht zwingend in die Dienste eines Rüstungskonzernes begeben. Schon gar nicht, wenn ich als Freimaurer an einer besseren, toleranteren oder menschlicheren Gesellschaft arbeiten möchte.

 

Ich erwarte nicht, dass wir als Freimaurer nun alle anfangen für eine gemeinnützige Organisation unserer Wahl zu arbeiten. Ich frage mich nur, inwieweit wir unsere alltägliche Arbeit als etwas ebenso wichtiges begreifen wie unsere Tempelarbeiten und die Arbeit an uns selber. Und ob es da nicht Möglichkeiten gibt, diese Arbeiten zu vereinen und wo die Grenzen dafür liegen. Wir verbringen etwa 37 Jahre unseres Lebens im Beruf. Im Laufe eines normalen Arbeitslebens hat ein Mensch in Deutschland etwa 61.283 Stunden gearbeitet. Zeit, die wir sicherlich gut nutzen können um etwas zu verbessern."

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0