Öffentlicher Diskussionsabend zum Thema "Veränderung"

Der Diskussionsabend befasste sich diesen Monat mit dem Thema "Veränderung", denn Veränderung findet immer und überall statt. Wir wollen schließlich ständig etwas verändern. Uns. Unsere Freunde. Die Welt.

 

Doch was ist Veränderung eigentlich? Warum ist sie wichtig und wie kann sie überhaupt funktionieren? Und - welche Rolle kann die Freimaurerei dabei spielen? 

Diese Fragen wurden mit Hilfe des folgenden Impulsvortrages erläutert und anschließend rege diskutiert:

 

Klären wir zunächst die vielleicht leichteste Frage: Was ist Veränderung?

In dem Wort selbst steckt das Wort „ändern“, welches wiederum das Wort „anders“ enthalt. Es geht also darum etwas anders zu machen als es ist. Somit ist es der Versuch den Ist-Zustand in Richtung eines Soll-Zustandes zu bewegen, der dann wiederum ein neuer Ist-Zustand wird. 

Das wäre an sich erst einmal eine einfach Sache. Wirft man einen Blick auf die Synonyme, die für diese einfache Sache verwendet werden, offenbart sich jedoch ein komplexeres Bild. Synonyme für Veränderung sind:

Abwandlung, Korrektur, Modulation, Überarbeitung, Umänderung, Umarbeitung, Umbildung, Umformung, Umgestaltung, Modifikation, Revision, Transformation, Novellierung, Abkehr, Abwendung, Neuerung, Neugestaltung, Neuregelung, Umbruch, Umkehr, Umschwung, Umstellung, Wechsel, Wandel, Wende oder Wendung.

An einer Vielzahl dieser Begriffe lässt sich die Dramatik dieses scheinbar einfachen Prozesses bereits erahnen. Denn Veränderung nicht immer so leicht. Es ist nunmal nicht leicht mit dem Rauchen aufzuhören, öfters Sport zu machen, liebevoller mit sich selbst umzugehen und schon gar nicht die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Was ist aber daran so schwer? 

Menschliches Verhalten erfüllt immer einen Sinn und Zweck. Bestimmte Verhaltensweise haben wir erlernt, denn sie haben uns in bestimmten Situationen immer wieder geholfen. Unser Gehirn hat sich gemerkt: Wenn ich mich so verhalte, passiert folgendes und das ist gut. So ist es sinnvoller der merkwürdig riechenden Tante doch ein Küsschen zu geben um dann ein Bonbon abgreifen zu können als sie hinterrücks mit Deo einzusprühen. Auf eine ähnliche Weise, in Zusammenspiel mit einer gewissen genetischen Prädisposition, hat sich unsere Persönlichkeit entwickelt, die wiederum unsere Verhaltensweisen bestimmt. Eine tiefgreifende Verhaltensveränderung bedeutet somit auch, dass wir in gewisser Weise die Persönlichkeit verändern müssen. 

Was aber immer mitschwingt, ist der benötigte Erfolg. Wo ist mein Vorteil, wenn ich aufhöre zu rauchen? Wo ist mein Benefit, wenn ich meine Mitarbeiter bei Entscheidungen einbeziehe und meine Vorstellungen nicht wie Befehle kommuniziere?  

Und warum sollte ich überhaupt etwas verändern? Wann ist der Punkt erreicht, an dem mir auffällt, dass etwas so nicht mehr weiter geht? Ich gehe davon aus, dass wir unser Verhalten ökonomisch betrachten: 

Erst wenn die Nachteile, die unser Verhalten mit sich bringt, die Vorteile dieses Verhaltens überwiegen, fangen wir an, unser Verhalten anzuzweifeln. Dabei muss sich nicht einmal das Verhältnis der Pros und Contras verändern, sondern lediglich ihre Gewichtung. 

Passend zur Gewichtung, ein Beispiel zum Essen: Ein Mann isst für sein Leben gern Chips. Er ist sich im Klaren darüber, dass Chips essen dick macht und ungesund ist. Er weiß aber auch ganz genau, dass ihn Chips essen sehr glücklich macht. Dieser Mann isst fröhlich weiter Chips und nimmt dabei zu. Für ihn ist das ok, denn sein Verhalten macht ihn ja glücklich. Nun trifft er eine Frau, die ihn sehr beeindruckt. Diese Frau ist gertenschlank, macht viel Sport und hasst Chips. Wie lange wird es wohl dauern, bis er den Konsum von Chips aufgibt? 

Es gibt also eine Lücke zwischen Verhalten und Veränderung. Und es gibt noch weitaus mehr Hürden, die überwunden werden müssen:

Meiner Meinung nach, zeigt das sogenannte Transtheoretische Modell, das von James Prochaska von der University of Rhode Island bereits in den 1990er-Jahren entwickelt wurde, die verschiedenen Stadien von Verhaltensänderung am übersichtlichsten auf.

Das Modell ist aufgebaut wie eine Spirale. Ganz unten befindet sich das Stadium der Absichtslosigkeit. Hier haben Menschen noch keinerlei Absicht etwas zu verändern, auch wenn ein Problem schon existiert oder ein gewisser Druck da ist. 

Im zweiten Stadium erfolgt dann doch eine erste Absichtsbildung. Es besteht also das Vorhaben irgendwann etwas zu verändern.

Im Vorbereitungsstadium planen Personen konkret, demnächst ihr problematisches Verhalten zu ändern und unternehmen erste Schritte in Richtung einer Verhaltensänderung. Sie lesen also vielleicht Bücher zum Thema.

Im nächsten Stadium vollziehen die Personen dann die geplante Verhaltensveränderung und sind somit im Handlungsstadium. Nun wird es schwieriger, denn damit ist noch nicht alles geschafft. Denn nun folgt das Stadium der Aufrechterhaltung. Im Aufrechterhaltungsstadium haben Personen seit einem längeren Zeitraum das problematische Verhalten aufgegeben. Damit ist aber noch nicht alles vorbei, denn das alte Verhalten muss noch dauerhaft aufgegeben werden - also mindestens ein Jahr. Mit diesem Stadium ist das neue Verhalten verinnerlicht und wird sehr wahrscheinlich aufrechterhalten.

Der Aufbau dieser Stadien in einer Spirale, lässt bereits erkennen, dass der Weg immer wieder vor und zurück gehen kann. Es ist also nicht gesagt, dass eine Person diese Stadien alle jemals durchlaufen wird.

Das alles klingt nun nach einer ganzen Menge Arbeit und irgendwie auch gar nicht so hoffnungsvoll. Daher könnte man auch fragen: Ist das denn überhaupt nötig? Sollen wir nicht lieber alle den Ist-Zustand akzeptieren und endlich mal aufhören ständig einem Soll-Zustand hinterherzuhechten? Denn wenn der Soll-Zustand erst einmal erreicht ist, wird er ja zum neuen Ist-Zustand und wir brauchen vermutlich wieder ein neues Soll. Also warum das Ganze?

Vielleicht haben Philosophen ja auf diese Frage mal eine schlaue Antwort:

Fragt man in der Welt der alten Weisen herum, spielt die Veränderung immer wieder eine Rolle:  

„Panta rhei" - alles fließt, sagte bereits Heraklit, einer der ältesten Philosophen, die uns heute noch bekannt sind. Damit wollte er zum Ausdruck bringen, dass alle Dinge im Ausgleich der Gegensätze entstehen würden, dieser Ausgleich aber nie ewiglich herrschen würden und somit immer alles in Bewegung, oder eben in Veränderung, befindlich ist.  

Konfuzius meinte: „Wer ständig glücklich sein möchte, muss sich oft verändern.“ 

Das klingt nach sehr viel Anstrengung und immer glücklich sein, ist nun auch schwer möglich. 

Können wir denn dann nicht aufhören uns zu verändern? 

Ovid meinte kurz und knapp: „Alles ändert sich.“ Das bedeutet, dass auch wenn wir uns nicht verändern, die Welt um uns herum sich verändert. Die Welt um uns herum nimmt wiederum Einfluss auf uns, also müssen wir uns zwangsläufig verändern. Und wenn wir diesen Prozess des Veränderns zwangsläufig mitmachen müssen, können wir uns auch bemühen ihn aktiv mitzugestalten. Und irgendwie tun wir dies auch mit unserem eigenen Verhalten. In dieser Wechselwirkung von Innen und Außen liegt der Kern der Veränderung.

Das bringt mich zu der Frage: Können wir denn auch andere Menschen gezielt verändern, ohne dass wir uns verändern? Ja, das geht. 

Aber dafür müssen einige Vorraussetzungen erfüllt sein und die wichtigste bringt Johann Heinrich Pestalozzi auf den Punkt: „Ihr müßt die Menschen lieben, wenn ihr sie verändern wollt.“

Jeder Therapeut und Pädagoge weiß, dass es immer Möglichkeiten gibt, die Menschen um uns herum zu verändern. Es ist ihr Alltagsgeschäft. Doch ein wichtiger Teil ihrer Arbeit besteht daraus, dass sie verstehen, dass nicht sie die Vorgaben zu Veränderung machen. Nicht sie zeichnen den Weg vor, den andere zu gehen haben, sondern sie erarbeiten ihn gemeinsam mit ihren Klienten. Sie haben verstanden, dass jeder seinen eigenen Weg zu gehen hat.

Und was bedeutet das alles für die Freimaurerei? Die Freimaurerei proklamiert die Veränderung an sich ständig. Der raue Stein soll zum behauenen Stein werden. Es muss also ständig die ursprüngliche Form des Steines verändert werden bis er ein behauener Stein wird. Doch nicht jeder Stein ist gleich und wenn ich ihn nicht mit Vorsicht bearbeite, ihn genau studiere und auch seine Grenzen akzeptiere, dann wird aus ihm niemals ein behauener Stein, der seinen Platz in der Welt, oder maurerisch gesprochen, im Bau des Tempels der Humanität, finden kann.

 

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