Öffentlicher Diskussionsabend: "Bewertung von Arbeit zwischen Traum und Alptraum"

Zu unserem gestrigen öffentlichen Diskussions- bzw. Gästeabend kamen wir zusammen um über das Thema "Bewertung von Arbeit" zu sprechen. Dabei stellte unser Referent seine Gedanken zum Thema Arbeit vor und bezog sich dabei auf das Buch „Feierabend! Warum man für seinen Job nicht brennen muss“ von Volker Kitz.

 

Die Gedanken unseres Referenten wurden lebhaft diskutiert und Sie können diese nun hier nachlesen:

 

Vielleicht erst etwas zu mir, um vielleicht verstehen zu können, warum mich das Thema beschäftigt:

Ich arbeite.

So banal es klingt, vor umso größeren Problemen stellt mich diese Tatsache. Nach 25 Lebensjahren, geprägt von einem Schulsystem, was mich zum Glück nie ausgelastet hat und einem Studium, was zwar arbeitsreicher, aber dafür freier in der Zeiteinteilung war, bin ich jetzt in der rauen Arbeitswelt angekommen. Nicht, dass ich es nicht so wollte, ich habe immer darauf hingearbeitet, da mir das reine Lernen ohne Anwendungsmöglichkeit immer recht sinnlos vorkam. Doch die große Erfüllung hat sich bei mir nicht eingestellt, sondern eher Ernüchterung. Arbeit ist oft monoton bis langweilig, vor allem als Berufsanfänger äußerst anstrengend und wenn man denkt, man hätte es jetzt geschafft, stellt man fest, dass erst Montagabend ist und morgen alles wieder von vorne beginnt. Ich rette auch nicht jeden Tag die Welt und muss feststellen, dass ich jederzeit ausgetauscht werden kann.

Und das sollte es jetzt also gewesen sein? 40-50 Jahre jetzt so abzusitzen ist wirklich keine schöne Vorstellung. Doch ohne Arbeit wird man vermutlich auch nicht glücklich. Dieser Gegensatz zeigt sich bereits in den Gefühlen, die das Wort auslöst. Im Gegensatz zu fast allen anderen Wortpaaren, wie zum Beispiel „Trennung“ und „trennen“, die beide negative Gefühle beim Lesen auslösen oder „Reise“ und „reisen“, die positive auslösen, ist es laut einer Studie über die Wirkung von deutschen Wörtern bei „Arbeit“ und „arbeiten“ anders: Der Begriff „Arbeit“ ruft positive Gefühle hervor, der Begriff „arbeiten“ hingegen negative. Dies führt zur zentralen These des oben erwähnten Buches: Nicht die Arbeit macht unglücklich, sondern die Lügen, die wir uns darüber erzählen. Die Arbeit wird idealisiert, mit großen Erwartungen und Hoffnungen beladen, die die Realität nicht einlösen kann. Diese Desillusionierung kann zu Enttäuschung und Frust oder allgemeiner gesagt, zu negativen Gefühlen führen. Es hilft dabei nichts, mit Biegen und Brechen die Wirklichkeit diesem Ideal anzupassen, die es niemals erfüllen kann. Dadurch wird das Unglück, die Frustration im schlimmsten Fall immer weiter erhöht. Sinnvoll scheint mir ein ehrlicher, sachlicher Umgang mit der Arbeit zu sein, frei von den überzogenen Versprechungen der Stellenanzeigen und Jobangebote, die neben der materiellen Bezahlung auch den Sinn des Lebens anbieten.

Diese Aufladung der Bedeutung der Arbeit scheint ein vergleichsweise modernes Phänomen zu sein: War Arbeit in der Vorzeit Nahrungserwerb und Überlebensstrategie, wurde sie in der Bibel als eine Art Strafe von Gott eingeführt, nachdem Adam und Eva aus dem Paradies (der Arbeitslosigkeit) verbannt wurden. In der Antike bestand das Ideal darin, nicht zu arbeiten, sondern zu Lernen, zu Philosophieren und sicher auch zu Essen und zu Trinken. Die Erhöhung begann erst mit Luther, der sie „Beruf“ nennt, was der geistlichen „Berufung“ nahekommt und den Anschein erwecken könnte, es sei göttlicher Auftrag, Brötchen zu backen oder Haare zu schneiden. Doch ist diese Einstellung angesichts der Banalität der allermeisten Berufe wirklich gesund? Wäre es nicht vernünftiger, Arbeit als simple Notwendigkeit zu betrachten, um Geld zu verdienen und gut über die Runden zu kommen? Die Arbeit selber würde sich dadurch nicht verändern, sondern vermutlich an Qualität gewinnen. Daher möchte ich einige dieser Aufwertungen, im Buch weniger neutral Lebenslügen über das Arbeitsleben genannt, vorstellen und diskutieren.

Glaubt man den Beschreibungen vieler Unternehmen, so werden ihre Produkte und Dienstleistungen nur mit einem hohen Maß an Leidenschaft hergestellt bzw. angeboten. Leidenschaft scheint eine der wichtigsten Eigenschaften zu sein, um die Arbeit gut zu machen. Doch ist das richtig? Arbeitet nur ein leidenschaftlicher Arbeitnehmer gut? Mir scheint es, dass Leidenschaft für ein gutes Arbeitsergebnis auch schaden kann, wenn andere Menschen, Impulse oder Ideen ignoriert werden. Leidenschaft kann zu einer Ignoranz gegenüber Mitarbeitern, Vorgesetzten oder Kunden führen. Wer blind seiner Leidenschaft folgt, kann sich verrennen. Die zahllosen talentlosen Sänger, Models und Schauspieler die in Castingshows oder im Nachmittagsprogramm verschiedener Privatsender zu beobachten sind, geben ein Zeugnis davon. Leidenschaft ist kein Maß für ein gutes Arbeitsergebnis, sondern eine komplett andere Größe. Gute Arbeit braucht auch eine gewisse Distanz, um das eigenen Handeln zu reflektieren, seine Arbeitsweise zu hinterfragen und gegebenenfalls auch zu ändern. Ein leidenschaftlicher Chirurg, der für seine Arbeit brennt, aber den Patienten aus dem Sinn verliert, ist kein guter.

Belastend kann der Leidenschaftszwang werden, wenn durch das ganze Gerede über die Leidenschaft ein Druck aufgebaut wird, dass für die Arbeit Leidenschaft empfunden werden muss. Doch die meisten Menschen brennen nicht für einen Beruf, sie haben sich nicht von klein auf vorgestellt, Müll einzusammeln, am Fließband zu stehen oder Finanzkennzahlen zu überprüfen. Nichtsdestoweniger können gerade diese Menschen ihre Arbeit sehr gut machen und auch eine Befriedigung empfinden, wenn sie ihre Tätigkeit ausüben. Sie müssten sich nur ggf. von der Illusion befreien, dass sie für die Arbeit brennen müssen.

Ein kleinerer, aber ebenso interessanter Punkt, ist die Vorstellung, mit der Arbeit etwas zu gestalten, zu schaffen oder sich ausleben zu müssen. Dies mag bei einem Firmengründer, der mit seinem von ihm entwickelten Produkt das Leben von Millionen beeinflusst, naheliegend sein, bei einem Fließbandarbeiter, der jeden Tag hunderte Male den gleichen Handgriff tätigt, ist dies schwieriger vorstellbar. Doch auch er gestaltet etwas und schafft etwas Neues, er ist Teil in dem hochkomplexen Schaltwerk, was sich unsere Welt nennt, mit all ihren Beziehungen untereinander. Wenn ein Teil stockt, hat es Einfluss auf viele andere. Nur die Art der Durchführung ist mehr oder weniger genau vorgeschrieben. Doch meistens braucht es genaue Vorgaben, wie etwas gemacht wird, damit dieses Schaltwerk nicht ins Chaos zerfällt. Jeder gestaltet etwas, nur nicht unbedingt, wie er es selber machen würde. Sich komplett auszuleben, etwas ohne Vorgaben zu machen, ohne Einschränkungen – dafür ist die Freizeit da.

Jeder Mensch wäre gerne wichtig, er möchte, dass andere zu ihm aufsehen und dass im Büro nichts ohne seine Entscheidungen gehen würde. Doch auch das ist eine Illusion. Wenn die Stelle nach der Pensionierung nicht neu besetzt wird oder wenn trotz langer Krankheit oder Urlaub alles den gewohnten Lauf geht, merken viele erst, dass auch sie ersetzbar sind und ihre Arbeit kein tragender Teil der Abteilung war. Niemand ist unersetzbar und ein realistischer Blick auf diese Tatsache kann vor Enttäuschungen bewahren. Das Wissen um die eigene Bedeutung oder eher Bedeutungslosigkeit kann frei machen vor den eigenen überzogenen Erwartungen und denen der Umwelt.

Der letzte Punkt ist die Sinnfrage. Hat unsere Arbeit einen Sinn? Oder nur bestimmte Art von Arbeit? Sind nur soziale Tätigkeiten sinnvoll, hingegen Arbeiten z. B. in der Bürokratie Zeitverschwendung? Ich komme noch einmal auf das hochkomplexe Schaltwerk von vorhin zu reden kommen. Alles ist miteinander verknüpft, nach der Kleine-Welt-Theorie über maximal 6 andere Personen. Der Entwicklungshelfer muss sich vielleicht seltener fragen, welchen Nutzen seine Arbeit hat, jedoch könnte er nicht arbeiten, wenn nicht jemand seine Spenden verwaltet. Er würde ohne Baumaterialien mit leeren Händen dastehen, doch diese müssen hergestellt, organisiert und transportiert werden. Hierfür braucht es Straßen, die gebaut werden müssen. Für Straßen braucht es Steuergelder, die eingezogen und verwaltet werden müssen. Der Entwicklungshelfer steht quasi nur am Ende der Nahrungskette, doch steht er auf einem riesigen Fundament, ohne dass er komplett nutzlos wäre. Dadurch, dass er so weit oben steht, ist er in gewissem Maße noch viel abhängiger von anderen. Es sind die vielen vermeintlich kleinen Tätigkeiten, die alles erst ermöglichen.

Man könnte einwenden, dass es wirklich viele Jobs gibt, die überflüssig erscheinen. Sei es in der Verwaltung oder auch in manchen Firmen, gibt es Leute, die nur unzureichend Arbeit haben. Nicht umsonst wird spekuliert, ob das sogenannte Boreout-Syndrom, der Zustand andauernder Unterforderung am Arbeitsplatz, nicht häufiger vorkommt als das häufig genannte Burnout-Syndrom, was etwas das Gegenteil beschreibt. Hier zeigt sich aber, dass es wichtig ist, überhaupt Arbeit zu haben, um einen Sinn darin zu finden, nicht welche Tätigkeit genau das ist.

Es gibt noch weitere Punkte, die sich diskutieren lassen können, doch will ich zu einem Fazit kommen: Was bleibt, wenn man die Arbeit von ihrem hochstilisierten Gerüst befreit? Ein Tausch von Lebenszeit gegen Geld, nicht mehr und nicht weniger. Es spricht hierbei nichts dagegen, diese „verkaufte“ Lebenszeit so angenehm wie möglich zu machen und dafür eine gerechte Bezahlung zu erhalten. Auf der anderen Seite muss dafür natürlich auch die Arbeit geleistet werden, für die diese Bezahlung erhalten wird.

Die normale Arbeit ist profan, zwar wichtig, jedoch nicht weltbewegend, jeder ist austauschbar und man muss auch nicht für seine Arbeit brennen, um sie gut zu machen. Ein realistisches Bild von der Arbeit bewahrt uns vor Frustration und kann uns wiederum zu besseren Arbeitern machen. In gewissem Maße lässt sich diese Erkenntnis auch auf die freimaurerische Arbeit übertragen. Nur wenn wir uns, unsere Fähigkeiten mit ihren Stärken und Schwächen, unsere Bedeutung in unserem privaten und beruflichen Umfeld richtig einschätzen, bewahren wir uns vor Enttäuschungen. Hierzu ist das „Erkenne dich selbst“ genauso wichtig wie das „Schaue um dich“. Und auch wer für die Freimaurerei brennt, muss noch kein guter Freimaurer sein.