Freimaurer werden - Freimaurer sein - Freimaurer bleiben

Am 12. Dezember 2017 fand unser Diskussionsabend unter dem Motto "Freimaurer werden - Freimaurer sein - Freimaurer bleiben" statt. Eingeleitet wurde dieser Abend mit einem Impulsvortrag durch unseren Bruder Redner, den wir Ihnen gerne hier zur Verfügung stellen wollen. Der Impulsvortrag beschreibt zum einen den Weg vom Interessierten, zum Suchenden und dann zum Freimaurer beschreiben - macht jedoch an dieser Stelle nicht Halt, sondern denkt den Prozess ein wenig. Schließlich sollte der freimaurerische Werdegang weder mit der Aufnahme noch mit dem Meistergrad enden, sondern er ist immer einem Wandel unterworfen.

 

"Bevor ich beginne, muss ich leider eine sehr schwierige Frage stellen und zumindest den Versuch einer Antwort wagen, da ohne die Klärung dieser Frage der weitere Verlauf ein wenig unklar wäre. Die Frage lautet: Was ist ein Freimaurer? Diese Frage ist nun wieder eng verbunden mit der Frage, „Was ist Freimaurerei?“ - was die ganze Angelegenheit nun nicht wirklich einfacher macht. Schaut man sich die einleitenden Sätze des Wikipedia-Artikels zur Freimaurerei an, bekommt man einen ersten Eindruck: „Die Freimaurerei, auch Königliche Kunst genannt, versteht sich als ein ethischer Bund freier Menschen mit der Überzeugung, dass die ständige Arbeit an sich selbst zu einem menschlicheren Verhalten führt. Die fünf Grundideale der Freimaurerei sind FreiheitGleichheitBrüderlichkeitToleranz und Humanität. Sie sollen durch die praktische Einübung im Alltag gelebt werden. Die Freimaurer organisieren sich in sogenannten Logen." Die Schwierigkeit einer genaueren Definition liegt nun darin, dass unter den vielen, sehr wohlklingenden Adjektiven, wie „freie Menschen“, „ethischer Bund“, „Gleichheit“ usw. ein jeder etwas anderes vorstellt. Würde jeder in diesem Raum seine persönliche Definition von Humanität vorstellen, hätten wir sicher einen sehr anregenden Abend, aber hätten damit auch nur den Bruchteil der allgemein existierenden Vorstellungen zu diesem Themenkomplex abgebildet. Und bereits jetzt hätten wir viele Meinungen gesammelt, die sich ergänzen, aber auch möglicherweise ausschließen. Selbst bei den drei Kernbegriffen Gleichheit, Brüderlichkeit und Toleranz, die immer wieder angeführt werden, ist eine Einigung auf die einzige und wahre Bedeutung nicht möglich. 

Nun sind dies Begriffe mit denen man sich als Außenstehender aber auch irgendwo identifizieren kann. Dabei sind sie leider doch fast so gehaltvoll wie einige Wahlplakate, die Sprüche zeigen wie: „Für ein Land in dem wir gut und gerne leben.“ Ich denke, jeder hier würde diesen Wunsch unterschreiben.

Und genau so ist es auch in der Freimaurerei. Man muss sich die Frage stellen, was meinten denn unsere Gründungsmitglieder mit den Werten Gleichheit, Brüderlichkeit und Toleranz. Ohne diese Frage nun beantworten zu wollen, bringt es mich auf einen entscheidenden Punkt. Nämlich die lange Tradition der Freimauerei, die seit mehreren Jahrhunderten ein Bestandteil der Geschichte ist. 

 

Und ein Teil, der diese Geschichte, diese lange Tradition am deutlichsten ausdrückt ist etwas, das einem Außenstehenden verborgen bleibt: Das Ritual. 

Was passiert hinter den verschlossenen Tempeltüren? Was geschieht bei einer Aufnahme? Muss ich mich davor fürchten oder ist es etwas so banales, das es mich vielleicht sogar enttäuscht? Macht es etwas mit mir? Verändere ich mich danach? 

Ich möchte hier das Ritual gar nicht näher erläutern, aber ich möchte gerne darauf eingehen, warum es für die Freimaurerei, zumindest aus meiner persönlichen Sicht, so zentral ist. 

Das Ritual wirft einen Blick in die Vergangenheit und in die Zukunft, wobei es selbst in gewisser Weise zeitlos ist. Es ist für mich manchmal ein wenig so, als würde ich von außen einen Blick auf das Leben werfen. Ich werde in die Lage versetzt, einen Schritt zurückzugehen und vielleicht die großen Fragen des Lebens zu stellen. Über unserem Tempeleingang prangt mahnend die alte Aufforderung „Erkenne dich selbst“. Es ist dieser Imperativ, den ich sehe bevor ich diesen Raum betrete, der etwas metaphysisches, in seiner philosophischen und spirituellen Bedeutung, mit sich bringt. Dieses „Erkenne dich selbst“ ist eine Aufforderung. Eine Aufforderung nicht nur zu fragen, wer ich bin, sondern alle erdenklichen W-Fragen des Lebens an mich selbst zu richten: Warum bin ich? Wann bin ich? Wo bin ich? Wer bin ich? Wie bin ich? Wichtig ist dabei zu wissen, dass das Ritual die Antworten nicht direkt mitliefert. Manchmal werden sie zwar angedeutet, aber meist unterliegt alles meiner persönlichen Interpretation.

 

An diesem Punkt halten wir kurz inne und fassen zusammen: Freimaurer sind Menschen, die sich gerne mit den großen Fragen des Lebens beschäftigen und dabei unter anderem ein Ritual als Hilfestellung verwenden.

Auch wenn einige meiner Brüder sicherlich über die plumpe Formulierung den Kopf schütteln und sich fragen, ob ich überhaupt verstanden habe, welche Tiefe die Freimauerei mit sich bringt und nicht verstehen, wie ich die gesamte Symbolik, die Tradition, die Erfahrung des Rituals und die erlebte Brüderlichkeit außer acht lassen kann… möchte ich kurz einhaken und bemerken, dass dies alles Dinge sind, die mir erst mit der Aufnahme und in den Jahren danach zugänglich werden, sodass sie für einen Außenstehenden nicht fassbar sind.

 

Nun gut, wie komme ich denn nun als interessierter Suchender in den Genuss der Aufnahme? Wie werde ich also Freimaurer?

 

Der erste Schritt besteht in unserer Loge aus dem regelmäßigen Besuch der Gästeabende für einen Zeitraum von etwa einem Jahr. Hier geht es vor allem darum, dass wir uns gegenseitig kennen lernen. Da ein Beitritt in der Regel auf Lebenszeit erfolgt, sollte der Schritt also von beiden Seiten gut überlegt sein. Schließlich trifft man sich mindestens drei Mal im Monat und muss miteinander auskommen - wobei ich dazu sagen möchte, dass Meinungsverschiedenheiten durchaus gewünscht sind, solange sie zumindest auf einer sachlichen Ebene ausgetragen werden. 

Wenn Sie das Gefühl haben, dass sie bereit für eine Aufnahme sind, sprechen Sie einen von uns an. In der Regel ergibt sich im Laufe der Zeit ein guter Kontakt zu einem der Mitglieder und Sie fragen ihn, ob Sie uns beitreten können. Der Bruder wird dann alles weitere in die Wege leiten und Sie erhalten einen Aufnahmeantrag. Diesen füllen Sie aus, die Bruderschaft stimmt über diesen ab und die entsprechenden Schritte bis zur Aufnahme werden gemacht. 

 

Nach ihrer Aufnahme sind Sie dann nicht nur Mitglied unserer Loge sondern in unserem Fall ebenfalls der Großen National-Mutterloge zu den drei Weltkugeln sowie der Vereinigten Großloge von Deutschland. 

 

Ab diesem Zeitpunkt sind sie also Mitglied einer Freimauerloge. Doch was bedeutet das nun? Was bedeutet es ein Freimaurer zu sein?

 

Dabei gilt es zwei Dinge zu betrachten. Zum einen das Leben innerhalb der Loge. Sie sind nun Teil einer vertrauten Gemeinschaft von Menschen, die sich wahrscheinlich sonst nicht so schnell begegnet werden. Das bedeutet zum einen, dass Sie sich nun mit diesen Menschen regelmäßiger treffen als es noch bei den Gästeabenden der Fall war. Ob dies nun zu den regelmäßigen Veranstaltungen der Fall ist oder ob Sie gemeinsam mit Ihnen anfangen andere Brüder in anderen zu Logen zu besuchen - Sie werden sie nun noch näher kennen lernen und auch auf einer anderen Ebene kennen lernen. Einem Bruder vertraue ich nun einmal ganz anders als einem Gast. 

Das bedeutet auch, dass Einblicke in Leben gegeben werden, die ich möglicherweise vorher nicht bekommen hätte. Die Menschen innerhalb der Loge begegnen sich in der Regel auf Augenhöhe, wobei das Einkommen und der Bildungsstand keine Rolle spielen. Das gibt mir die Möglichkeit mich auch außerhalb meiner gesellschaftlichen Komfortzone bewegen zu können und neue Eindrücke für mich zu gewinnen. Der Preis den ich dafür zahlen muss, bringt mich dazu, was es außerhalb der Loge bedeutet ein Freimaurer zu sein. Denn meine bisherige Wahrnehmung der Dinge, inklusive meinem festen Standpunkt, kann unter Umständen an Relevanz verlieren. Durch das ständige Kollidieren und Abgleichen von unterschiedlichen Perspektiven, Lebensmodellen und Meinungen kommt es beinahe zwangsläufig zu einer Veränderung der eigenen Perspektive. Es heißt auch, dass ich meine eigene Perspektive im Alltag viel mehr hinterfrage, was mich auch oft dazu bringt, einfach mal mehr zuzuhören und mir mehr Zeit für eine Meinungsbildung zu gewähren. Dass das auch Anstrengend sein kann und auch manchmal zu einer Verunsicherung führen kann, wird meiner Meinung nach dadurch ausgeglichen, dass die reine Erkenntnis dessen, dass es so viele unterschiedliche Perspektiven wie Menschen auf der Welt gibt, auch etwas sehr beruhigendes hat. Es ist gar nicht immer wichtig, wer welche Meinung hat und es ist noch seltener wichtig, dass alle Menschen um mich herum meiner Meinung sind, sondern es ist wichtig dass es sie gibt und ich diese auch annehmen kann. Dieser Umstand zwingt mich ja sogar dazu um über mich und meinen Platz in der Welt nachzudenken. Und dieses Nachdenken darüber, diese ständige Neugier auf mich, die Welt um mich und über mir, ist für mich ein klarer Bestandteil des Freimauer-Seins. Es verändert etwas in mir - und diese Veränderung bedeutet möglicherweise auch eine Veränderung der Welt. Dabei geht es ja möglicherweise um die großen Dinge in der Welt. Es geht auch darum, was ich möglicherweise innerhalb meiner Familie, meines Freundeskreises oder im Beruf verbessern kann. Beobachte ich mich selbst dabei wie ich durch dieses Leben gehe, werfe dann noch einen kleinen Blick auf die anderen um mich herum und höre ihnen zu, erreiche ich meiner Meinung nach schon etwas großartiges. Ganz nach dem Satz Ghandis „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für die Welt.“, kann ich mit dieser Betrachtungsweise genau das verändern was ich mir wünsche. 

 

Und das soll nun das Geheimnis der Freimaurerei sein? Dass soll es bedeuten ein Freimauerer zu sein? Ist das nicht alles etwas dürftig? 

 

Ich denke, alles, was die Freimauerei darüber hinaus erreichen kann entsteht zwar aus ihr heraus, aber nicht in ihr. Ein Freimaurer soll innerhalb seines Alltags wirken und dort steht es ihm völlig frei sich zu entfalten wie es seinen Vorstellungen entspricht. Die Loge mit ihren Mitgliedern nimmt keinen Einfluss darauf, welche Ideen und Ziele ich außerhalb der Gemeinschaft verfolge. Sollte ich auf die Idee kommen, dass ich Spenden für einen guten Zweck sammle, dann ist das toll, muss aber nicht im Namen der Freimauerei geschehen. Wenn ich dafür natürlich Brüder aus meiner Loge gewinnen kann, ist das sicherlich schön, doch sie handeln dann als Privatpersonen, die möglicherweise von der Freimaurerei inspiriert wurden mehr Gutes innerhalb der Gesellschaft zu tun.  An diesem Punkt entscheidet sich vor allem die deutsche Freimaurerei von der englischen und amerikanischen.  Und noch etwas macht die deutsche Freimaurerei ein wenig anders: Ihre Geheimniskrämerei.

Viele unserer Brüder sind sehr auf ihre Deckung bedacht - das heißt sie wollen nicht, dass jedermann weiß, dass sie Freimaurer sind. Dieser Aspekt macht zwar die Öffentlichkeitsarbeit etwas schwierig, hat aber meiner Meinung nach auch einen entscheidenden Vorteil. Die Mitglieder, die tatsächlich den Weg zu uns gefunden haben und die dann auch noch in gewisser Weise freimaurerisch im Alltag wirken, tun das möglicherweise weil sie Freimaurer sind, aber sie gehen damit nicht hausieren. Da macht dieses Wirken zu etwas besonderem und hat etwas uneigennütziges und bescheidenes. Eine Tugend, die es sicherlich zu fördern gilt.

 

Nun gut, aber muss man dafür tatsächlich einem Verein beitreten? 

Um es kurz zu machen: Nein, muss man nicht.

 

Ich glaube zwar, dass die Freimauerei grundsätzlich für die meisten Menschen offen steht, doch glaube ich nicht daran, dass sie für alle der richtige Weg ist. Zumal es sicher auch einige gibt, die nach ihrer Aufnahme enttäuscht sind, weil sie eben nicht einen metaphysischen Initiationsritus durchlebt haben, der ihnen die letzten Geheimnisse der Menschheit offenbart. Weil es eben auch innerhalb der Loge auch anders sein kann als ursprünglich gedacht. Weil möglicherweise Freimaurer doch nur ganz normale Menschen sind, die versuchen ihren Alltag zu gestalten.

Oder was, wenn das doch alles zu mühsam ist oder ich keinen Fortschritt bemerke? Was ist, wenn ich alle drei Grade durchlaufen habe und es mir an neuen Impulsen mangelt? Wie kann ich es dennoch schaffen ein Freimaurer zu bleiben? 

 

Unser Bund versteht sich als lebenslanger Bund. Sicher steht es mir jederzeit frei, diesen wieder zu verlassen, doch die Intention ist eine andere. Lebenslange Verbundenheit.  Das hört sich ein wenig an wie die Ehe und irgendwie erscheint es mir auch ein wenig so. Am Anfang steht die Neugier, das Aufregende, die Spannung. Doch irgendwann setzt der Alltag ein. Wie kann es gelingen diesen Alltag zu durchbrechen?

 

Im Gegensatz zur Ehe hat die Freimaurerei einen großen Vorteil. Sie ist gewissermaßen polygam. Damit meine ich, dass ich mir innerhalb meiner Loge, aber vor allem innerhalb des gesamten Freimaurerbundes immer wieder neue Anreize holen kann - einfach indem ich die Gesprächspartner wechseln kann. Mir steht es frei - und es ist sogar gewünscht - , andere Logen zu besuchen und mit anderen Brüdern zu sprechen. Nur so kann ich aus meinem kleinen, neu geschaffenen, Mikrokosmos wieder ein wenig ausbrechen. Die dort neu gewonnen Impulse kann ich dann wieder in meine eigene Bauhütte zurück transportieren und so ein Wechselspiel der Ideen möglich machen. 

 

Denn sicherlich gibt es auch in der Freimaurerei Dinge, die sich regelmäßig wiederholen. Ganz vorne mit dabei bei den Dingen, die sich wiederholen sind die Rituale, die nun einmal naturgemäß von der Wiederholung leben. Und doch gerade diese Wiederholung ist es auch, die mir immer wieder die Möglichkeit gibt neues zu entdecken. Wie oft wünscht lässt man manche Geschehnisse vor seinem geistigen Auge neu aufleben um sie von allen Seiten zu beleuchten? Das Ritual gibt uns die Möglichkeit, diese Seiten jedes Mal aufs Neue live zu erleben und zu entdecken.

 

Doch reicht das alles um sein Leben lang einem Bund treu zu bleiben? Was geschieht, wenn sich die Lebensumstände drastisch ändern? Seien es ein Umzug, ein neuer Job, Kinder, Heirat, Scheidung - und all die vielen weiteren Dinge, die das Leben noch bereithält? Kann man nicht auch möglicherweise an einem Punkt auch nicht mehr aus der Freimaurerei herausziehen? Ja hat man vielleicht irgendwann einmal einfach alles gesehen und alles schon einmal gehört? Gerade, wenn die Freimaurerei sich viel um sich selbst dreht oder die Themen mit denen sie sich beschäftigt einfach mal erschöpft sind? 

 

Gehe ich zurück an den Anfang meines Vortrags und auf meinen Ansatz, dass die Freimaurerei hauptsächlich aus dem Stellen von Fragen besteht, drängt sich hier der Gedanke auf, dass diese Fragen möglicherweise eines Tages beantwortet sind. Vielleicht nicht universell beantwortet, aber zumindest für mich persönlich. Wäre das dann nicht vielleicht sogar ein ideales Ziel des Freimaurerbundes? Die Beantwortung von Fragen des eigenen Lebens? Wäre damit nicht möglicherweise ein Vorgang abgeschlossen und die der Bund behält seinen ideellen Wert, aber sein Nutzen für den Einzelnen ist damit passé?

 

Wie wir sehen, ist es gar nicht so schwer ein Freimaurer zu werden. Die Schwierigkeiten scheinen erst aufzutauchen, wenn es darum geht tatsächlich einer zu sein und viel mehr noch einer zu bleiben."