Grenfell Tower und dieses lästige Ding mit Namen Gleichheit

Am vergangenen Dienstag, hielt einer unserer Bruder einen spontanen Vortrag, den wir Ihnen nicht vorenthalten wollen:

 

Erinnert ihr Euch noch daran? Am 14.06.2017 starben in London im Grenfell Tower, einem öffentlich geförderten Hochhaus mit Sozialwohnungen 80 Bewohner. Die größte Feuerkatastrophe der Nachkriegszeit in England wurde verursacht durch eine preisoptimierte, leicht entflammbare Fassadenverkleidung und massive Verstöße gegen Brandschutzbestimmungen. Der Hochhausbrand war für viele ein Symbol, das blitzlichtartig die Spaltung der britischen Gesellschaft erleuchtete, ein Symbol dafür, dass hier etwas zutiefst falsch, ganz und gar aus dem Ruder gelaufen ist. Kurzfristig wurde ein Schleier weggezogen durch den Turm der Schande, bis andere Katastrophen, zumeist in anderen und beruhigend fernen Ländern, ihn wieder in das Dunkel der Vergessenheit zurückgestoßen haben. Ein Symbol dafür, dass allen verfassungsrechtlichen Gleichheitsbeteuerungen zum Trotz der Profit und begüterte Eliten in vielerlei Hinsicht Vorrang vor den Bedürftigen haben, auch wenn es umso elementare Dinge wie Leben und Tod geht. Wir erleben eine wachsende gesellschaftliche Polarisierung, empfinden ein Unbehagen, das allzu offensichtlich von der Politik nicht wirklich geteilt, zumindest nicht als drängend empfunden wird. Der Lyriker Ben Okri hat über Grenfell Tower und wofür er steht, eine sehr berührendes, ein sehr politisches Gedicht geschrieben. Ich möchte daraus zitieren:

 

„Wenn ihr sehen wollt, wie die Armen sterben, kommt und seht den Grenfell Tower…

Die Armen, die dachten, für die Reichen zu stimmen, würde sie retten…

Manchmal braucht es ein Bild, um eine Nation aufzuwecken aus seiner geheimen Schande…

Sie starben nicht, als sie starben; ihr Tod geschah schon lange zuvor.

Er geschah in den Köpfen der Menschen, die sie nie gesehen haben.

Er geschah in den Gewinnspannen. Er passierte in den Gesetzen. Sie sind gestorben, damit Geld gerettet und gemacht werden konnte… 

Sie nannten den Turm hässlich; sie nannten ihn einen Schandfleck, rund um die schönen Menschen in ihren schönen Häusern. Sie wollten nicht, dass der hässliche Turm ihre Hauspreise ruiniert…

Da ist überall Verkleidung. Politische Verkleidung, wirtschaftliche Verkleidung, intellektuelle Verkleidung. Dinge, die gut aussehen, aber ohne Zentrum, ohne Herz, nur moralische Polsterung. Sie sagen die Worte, aber die Worte sind hohl. Sie machen die Gesten und die Gesten sind flach. Ihr Körper kommt zum verbrannten Turm, aber ihre Seelen folgen nicht.“

 

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit sind die Leitsprüche der französischen Revolution und irgendwie auch die der Freimaurerei. Kaum ein Begriff hat einen so hohen idealen Wert in demokratischen Gesellschaften, wie die Gleichheit. Sie gilt als eine wesentliche Bedingung für Gerechtigkeit. Kaum ein anderer Begriff erweckt so hohe Erwartungen und wird gleichzeitig so restriktiv und eng, wie so ausufernd und omnipräsent verstanden, dass er letztendlich unbestimmt und schwierig handhabbar gerät, ein unscharfer Abglanz seiner verfassungsrechtlichen Bedeutung. Was hat das alles mit Grenfell zu tun? Grenfell ist ein Symbol dafür, dass der aufgeklärte Mensch dem Postulat von Gleichheit und Gerechtigkeit zwar grundsätzlich zustimmt, unsere Lebenswirklichkeit aber unübersehbar in vielen Bereichen im Widerspruch zu diesen Idealen steht, man den Eindruck gewinnen kann, vielleicht sogar muss, dass sich seit der französischen Revolution nur die Träger von Reichtum, Überfluss und politischer Macht geändert haben, nicht aber das jahrtausendealte System der Ungleichheit und der Ungerechtigkeit. Gerne zitieren wir die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen. Jeder hat Anspruch auf die in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten ohne irgendeinen Unterschied, etwa nach Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Überzeugung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand. Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.“ Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren? An welcher Würde? An welchen Rechten? Beginnt und endet die Menschenwürde zugleich beim Regelsatz von Hartz IV? Gleichheit vor dem Gesetz? Gilt dies wirklich gleichermaßen für jeden x-beliebigen Bürger wie für VW und Daimler-Benz? Gleiche politische Mitsprache? Beginnt und endet die damit, dass alle gleichermaßen im 4-jährigen Turnus ihr Kreuzchen auf dem Wahlzettel machen dürfen? Chancengleichheit? Hat das Kind aus prekären sozialen Verhältnissen wirklich den gleichen Zugang zu Bildung und einem erfüllten Berufsleben? Gleiches Recht auf Leben, auf Gesundheit? Für Kassenpatienten wie für private? Jahr für Jahr nehmen wir die jeweils aktuelle Forbes Liste zur Kenntnis, als gleichzeitig voyeuristisches und banales Symbol für die Ungleichheit bei der Verteilung von Wohlstand und Vermögen auf dieser Welt. Amazon Chef Jeff Bezos hat mit 112 Milliarden $ endlich den Olymp erstiegen, der bedauernswerte Bill Gates muss sich mit mageren 90 Milliarden $ auf dem 2. Platz begnügen. Der Durchschnittslohn in Deutschland im Jahr 2017 lag bei monatlich 3092 €, in Russland bei rund 600 €, in Bulgarien bei 436 €. Der Regelsatz nach dem Sozialgesetzbuch liegt bei 416 € (zuzüglich Kosten für eine angemessene Unterkunft). Der gesetzliche Mindestlohn in Russland liegt bei 123 €. Wir reden nicht wirklich über Gleichheit und Gerechtigkeit, über Möglichkeiten und Wege zu einer Annäherung. Wir üben uns in spontan zur Schau gestellter Betroffenheit, wenn wir mit Bildern wie dem Grenfell Tower konfrontiert werden, aber dann gibt es auch schon wieder die nächsten erschütternden Bilder, die nächste Ablenkung. Unsere Politiker biedern sich bei den systemrelevanten Großunternehmen und den Superreichen an, an deren Katzentischchen sie hin und wieder sitzen dürfen, und werden dafür noch nicht einmal gescholten, denn uns geht es ja gut, um ein Vielfaches besser jedenfalls als denen in Russland und Bulgarien. Und schließlich … wenn wir uns den Themen von Gleichheit und Gerechtigkeit ernsthaft widmen würden, würden sich dann all die Wohlstandsgaranten unserer Gesellschaft nicht innerhalb der schönen neuen grenzenlosen globalisierten Welt in andere, wirtschaftsliberaler ausgerichtete Länder verziehen und würden uns dem sozialen Niedergang andienen. Drohung mit Liebesentzug in Form von Standortverlagerung. Game out! Kann uns das wirklich befriedigen, wollen wir wirklich so leben, als Menschheit, selbst wenn wir uns persönlich, als Individuen, in einer Komfortzone eingerichtet haben? Wollen wir weiter unsere Ideale zu Jubiläen und Festreden hochleben lassen und dann schnell wieder wegschließen? Sie eher als naive Träume begraben, denn als erstrebenswerte Ziele leben? Diese Fragen muss sich jeder von uns stellen lassen, sowohl der junge Suchende, mit vielleicht brennenden Wunsch nach einer Verbesserung unserer Welt, als auch der möglicherweise in die Jahre der Resignation gekommene, sogenannte erfahrene Bruder: Was fangen wir Freimaurer mit unseren hochgelobten Idealen an? Und damit schließt sich der Kreis zum Grenfell Tower. Wie fasse ich den amorphen Begriff der Gleichheit? Das beginnt schon damit, dass ich mich darauf verständigen muss, ob ich Gleichheit national oder global verstehe. Sinnvollerweise werde ich Gleichheit an den Möglichkeiten des einzelnen Staates messen müssen, denn wie will ich die sozialen und wirtschaftlichen Elemente, die im Gleichheitsbegriff enthalten sind, vereinheitlichen, ungeachtet des unterschiedlichen Wohlstandes oder der unterschiedlichen Not im jeweiligen Land. Die größte Schwierigkeit ist aber die Frage danach, wo das menschenrechtliche Postulat der Gleichheit beginnt und wo es endet, enden muss. Man wird sich darauf verständigen können, dass die Vermeidung existenzieller Not, von Obdachlosigkeit, Hunger und Ausschluss von jedweder Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zum Gleichheitsgebot zählt. Jedenfalls in einem modernen Wohlfahrtsstaat. Existenzielle Not wäre aber abzugrenzen von Armut, und wie man Armut definiert, wird politisch sehr flexibel gehandhabt. Gehört überhaupt die Vermeidung von Armut zu einer Geburt gleich an Würde und Rechten? Fragwürdiger schon ist die Gleichheit vor dem Gesetz, die zwar normativ festgelegt ist, aber nicht immer zu gelten scheint, etwa für Banken oder Unternehmen, die eine systemrelevante Größe erreicht haben. Gleiche Beteiligung an der politischen Meinungsbildung. One man - one vote alle 4 Jahre auf dem Wahlzettel, und das war es dann? AFD inklusive? Sicher gesetzt scheint die gleiche Inhaberschaft der Grundrechte (Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Versammlungsfreiheit), wobei mancher den Islam ausklammern mag, denn irgendwie passt er doch eher weniger zu Deutschland als alle anderen Religionen?. Gleiche Chancen auf Bildung und berufliche Entwicklung. Was ist, wenn eine Elite sich dem allgemeinen Schul- und Bildungswesen entzieht und sich in Reservaten privatfinanzierter Einrichtungen ihre eigene Chancengleichheit sucht? Wo man nicht mit baufälligen Gebäuden, desillusionierten Personal und dem nicht im Lehrplan gestandenen Erfordernis konfrontiert ist, zu integrieren was nach Herkunft, Kultur, Sprache und Wertesystem weder selbstverständlich noch einfach kompatibel ist. Gleiche Chancen auf Leben und Gesundheit? Mindestvoraussetzung, die Krankenversicherung für jedermann. Darüber hinaus viele Fragen. Darf ein Staat hinnehmen, dass privat Krankenversicherte nicht nur Vorteile bei der Terminsvergabe in unserem Gesundheitssystem genießen, sondern auch Vorteile bei der Qualität der medizinischen Versorgung, wobei man generell auch schon die Geschwindigkeit des Zugangs zur Versorgung als wesentliches Qualitätsmerkmal ansehen muss. Wenn der Privatpatient eine sehr zeitnahe Aufmerksamkeit erwarten kann, sobald ihn eine wie auch immer geartete Beschwerde beunruhigt, muss sich der gesetzlich Krankenversicherte nicht selten noch einige Wochen, zum Teil auch Monate gedulden. Bei der letzten Grippewelle wurde offenbar, dass die Kosten für hochwertige und allein erfolgversprechende Impfstoffe nur von privaten Krankenversicherungen übernommen wurden, von den gesetzlichen Kassen indessen nicht freigegeben waren. Gleichheit schließt nicht aus, dass derjenige, der tüchtiger ist, mehr als andere zum Gemeinwohl beiträgt oder auch nur zu seinem und seiner Familie Wohlstand, einen Anspruch auf höhere Belohnung hat, soweit dies in einem angemessenen Maß geschieht, aber genau das ist das Problem. Der Mensch hat die Anlage zur Gier, zur Maßlosigkeit. Es genügt nicht, dass es ihm gut geht, er will mehr, er will reich sein, nicht nur reich, sondern superreich, so dass er und seine Nachfahren ein für alle Mal dem Erfordernis entzogen sind, etwas zu leisten, um eine Entlohnung zu verdienen. Das Ideal, dass viele Gleiche gemeinsam, zielstrebig und mit Fleiß an der Verbesserung ihrer gemeinsamen Zukunft wirken, ist eben nur ein solches: ein Ideal. Es gibt Gleiche, die sich dem Mitwirken, der Leistung, gänzlich entziehen, sich darauf beschränken, von der Solidarität der anderen zu leben, ohne sich über irgendeine Gegenleistung hierfür auch nur Gedanken zu machen. Es gibt Gleiche, die durchaus an der Verbesserung arbeiten, aber nicht zum gemeinen Wohl, sondern ausschließlich ihrem ganz persönlichen, deren Ziel es ist, möglichst Ungleich zu werden, sich durch besonderen Wohlstand von ihresgleichen zu unterscheidenDer Tüchtige, der Leistungen in der und für die Gesellschaft erbringt, darf der nicht eine höhere Entlohnung und sonstige Wertschätzung erwarten als derjenige, dem die laufenden staatlichen Transferleistungen völlig ausreichen, zumal, wenn man sie durch gelegentliche Schwarzarbeit nach Lust und Laune aufbessern kann? Muss nicht eine Gesellschaft, die Fortschritt wünscht, sich weiter entwickeln möchte, geradezu dafür sorgen, dass ein ausreichender Antrieb für die Leistungsträger gesichert ist? Wie aber bewerte ich Leistung, die man in ein wie auch immer geartetes Verhältnis zur Gegenleistung setzen muss? Was ist mit dem Arzt und der Pflegekraft, dem Lehrer und dem Kindergärtner, dem Fußballer und dem Lagerarbeiter? Was ist mit dem, der sich nicht freiwillig der Leistung verweigert, sondern durch Krankheit und Gebrechlichkeit oder mangelnde Bildung zu Leistung gar nicht imstande ist? Was ist mit dem Recht auf Freiheit, auf Eigentum, das eben auch die Möglichkeit einschließt, aus meinen wirtschaftlichen Möglichkeiten in jedweder Hinsicht eine Steigerung meiner Lebensqualität zu bewirken. Bessere Wohnqualität, bessere Bildung, bessere Gesundheitsversorgung, ein längeres Leben? Man kann sein Geld auch unvernünftiger ausgeben und es ist doch nun einmal meines! Fragen über Fragen, die eine hohe politische Brisanz haben, deren Beantwortung das Potenzial zu massiven Systemveränderungen hätte. Ich kann sie nicht beantworten, ich sehe aber auch nicht die Bereitschaft der Politik, der Gesellschaft, der Kreativen und der Intelligenten, sich mit diesen Fragen überhaupt, geschweige denn ernsthaft, auseinanderzusetzen, denn eine am Gleichheitsideal orientierte Lösung bedeutet fast sicher eine Verschlechterung der Verhältnisse derjenigen, die von unserem derzeitigen System besonders profitieren. Dieser Vortrag soll und kann keine Lösung sein. Er soll ein Impuls sein, uns mit den angesprochenen Fragen zu Gleichheit und Gerechtigkeit und vielen weiteren zu befassen, offen und diskursiv, jeder nach seiner persönlichen, eher ethisch bestimmten oder ganz praktikablen Ausrichtung und Erfahrung.