Schwesternfest / Weiße Arbeit

Zum gestrigen Schwesternfest, das wir gemeinsam mit den beiden anderen "Dienstagslogen" Spectemur Agendo und Tusculum veranstalteten, hielt unser Redner die folgende Rede in der er sich bemüht Antworten auf Fragen von Außenstehenden zu finden:

 

Die heutige weiße Arbeit gibt unseren Partnerinnen und Partnern die Möglichkeit einen kleinen Einblick in das zu geben, was wir hier eigentlich so machen, wenn wir uns Woche für Woche auf den Weg ins Logenhaus machen.

Im Zuge dessen, wirft dieser Abend einige Fragen auf. Denn Partnerinnen und Partner fragen nach. Sie stellen teilweise gar unangenehme Fragen wie: „Was ist diese Freimaurerei eigentlich?“.

Unsere, für den Außenstehenden manchmal vielleicht sogar hilflos anmutenden Erklärungen, beginnen in der Regel damit, dass wir anfangen zu erklären, dass wir uns auf die Tradition der Steinmetzbruderschaften beziehen und wir geheime Rituale verwenden. Diese Rituale sind jedoch so geheim, dass wir darüber eigentlich nichts erzählen dürfen. Sie seien aber auch so gut, weil wir eben nichts darüber sagen dürfen.

Dass damit ein neugieriger Zuhörer nicht wirklich zufriedengestellt ist, daran mag sich jeder erinnern, der selbst vor seiner Aufnahme diese Frage stellte.

Kommt es nun noch schlimmer, folgt die nächste Frage, die uns dann doch erst einmal wieder ins Taumeln versetzt: „Mit welchem Ziel tust du das eigentlich?“.

An dieser Frage bin ich damals als Suchender doch immer wieder ein wenig gescheitert. Die Antworten auf diese Frage nach dem Warum, wurde zunächst vollkommen unterschiedlich beantwortet und viele Brüder bemühten sich um kryptische Antworten. Einige scheuten sich sogar nicht, stets eingeübte Sätze wie „Wir bauen am Tempel der Humanität“ oder Zitate aus Lessings „Ernst und Falk“ von 1787 zu konsultieren.

Natürlich sind diese Aussagen nicht falsch. Doch sie sind erst so richtig zu verstehen nachdem man zum Freimaurer geworden ist. Betrachtet man es also nun nur von außen, entsteht schnell der Eindruck, wir Freimaurer würden nun etwa einmal im Monat ein sagenumwobenes Ritual durchführen und das wäre es dann. Und auch der ein oder andere Freimaurer mag sich vielleicht still und heimlich immer wieder selbst fragen, was es denn nun bringen würde und wo es denn hinführt, an seinem eigenem rauen Stein zu arbeiten.

Genau diesen Fragen möchte ich mich heute widmen. Was machen wir hier eigentlich und warum machen wir das überhaupt?

Wie hier nun vermutlich allen Anwesenden bekannt ist, entstammt die Freimaurerei also den mittelalterlichen Steinmetzbruderschaften. Diesen gehörten die Steinmetze an, die auf - zumeist kirchlichen - Großbaustellen arbeiteten.

Nun müssen wir eingestehen, dass wir heute mit diesen Steinmetzen relativ wenig zu tun haben. Doch gibt es für mich eine wichtige Gemeinsamkeit. Denn: Der einzelne Steinmetz arbeitete für sich an seinem einzelnen Werkstück. Und bei vielen dieser Bauwerke konnte dieser einzelne Steinmetz nicht einmal das Endergebnis sehen, da der Bau oftmals länger dauerte als sein eigenes Leben. Und dennoch erschuf er etwas Größeres.

Und genau dieses Größere erschaffen wir nach wie vor – nur eben nicht mehr in Form von Steinen. Es sind heutzutage eher immaterielle Dinge, die nun doch nicht zwingend unwichtiger sind.  Wir Freimaurer heute erschaffen Erlebnisse, Gemeinschaft, Werte und Gegensätze.

 

Was genau meine ich denn nun damit?

Bereits das Aufnahmeritual ist ein Erlebnis der besonderen Art. Der Aufzunehmende – und natürlich auch die Aufzunehmende - hat im Grunde genommen keine Ahnung was an diesem Abend mit ihm passieren wird. Er gibt sich ganz und gar dem hin, was Menschen, die er meistens kaum kennt, mit ihm vorhaben. Mit verbundenen Augen – so viel darf ich heute verraten – wird er in den Tempel geführt. Mit Spannung erwartet er den nächsten Moment und das, was als nächstes Geschehen wird. Und auch alle anderen im Tempel haben Teil an dieser Zeremonie. Sie werden einbezogen und erleben ihre eigene Aufnahme noch einmal. Das gilt für die meisten Arbeiten. Jede Tempelarbeit ist damit ein Erlebnis. Ein Erlebnis, dass das Potential hat uns tief zu prägen.

Diese Erlebnisse haben bereits viele Brüder vor uns erlebt. Durch sie sind wir weltweit miteinander verbunden. Doch sind es nicht nur diese Erlebnisse in Formen von Tempelarbeiten, die uns verbinden. Durch unsere regelmäßigen Zusammenkünfte finden wir ebenfalls als eine Gemeinschaft zusammen.

Darüber hinaus reisen wir und treffen auf andere Brüder. Durch das Internet gibt es vermehrt eine globale Vernetzung mit Brüdern aus anderen Ländern. Durch das alles erschaffen wir eine weltweite Gemeinschaft und ein Gemeinschaftsgefühl.

Diese Gemeinschaft und diese Erlebnisse gibt es, zumindest in der heutigen Form, seit mehreren hundert Jahren. Wie jeder Verein mit einer solch langen Vergangenheit beruft sich die Freimaurerei gerne auf ihre Traditionen und auch ihre alten Werte: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität. Der Unterschied zu anderen Vereinen besteht jedoch darin, dass diese Werte nicht einfach nur inhaltsleer wiedergegeben werden, sondern immer und immer wieder neu diskutiert werden. Sie werden nicht einfach hingenommen, sondern sie bilden den Grundstock für viele unserer Diskussionen. Ein jeder Maurer ist herausgefordert, diese Werte für sich zu definieren und zu leben. Daher ist es für mich nicht ein bloßes Hochhalten von Werten, sondern durch die stete Auseinandersetzung mit diesen Begrifflichkeiten, entstehen neue Werte. Zwar mag es für diese Werte noch keine Worte geben oder sie lassen sich den Oberbegriffen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität unterordnen, doch werden jederzeit neue Aspekte erschaffen, die dieses große Puzzle ergänzen.

 

Wie manch einer nun bereits erahnt, sind die meisten Freimaurer sehr diskussionsfreudig. Um diesen „Diskussionsdurst“ zu stillen, widmen wir uns in nahezu jeder Veranstaltung einem diskussionswürdigen Punkt. Es finden ein öffentlicher Gästeabend statt bei dem fleißig mit Außenstehenden und untereinander diskutiert wird, ein Abend zum brüderlichen oder schwesterlichen Austausch bei dem nur innerhalb der Bauhütte diskutiert wird und eine Tempelarbeit bei der der Redner mit seinem Vortrag möglichst Anlass für Diskussionen gibt.

Diese Veranstaltungen finden sich so in jedem Kalender der hier anwesenden Logen. Diskussionen und Gespräche sind demnach einer der zentralen Punkte der Freimaurerei. Eine gute Diskussion hat es aber nun einmal an sich, dass mehrere Personen unterschiedliche Ansichten vertreten. Sonst wäre die Diskussion schnell beendet und auch nicht besonders interessant. Dadurch, dass wir uns immer wieder Themen widmen, die unterschiedliche Meinungen hervorrufen, erschaffen wir permanent und mit vollem Bewusstsein Gegensätze.

Viele Menschen tun sich schwer damit genau das zu tun. Sie gehen ihrem Alltag nach und vergessen alles andere um sich herum. Ihre Komfortzone wird nicht verlassen. Doch genau das sollten wir immer wieder tun um uns weiterentwickeln zu können. Indem wir uns bemühen, immer und immer wieder diese Gegensätze zu erschaffen - und sie sogar auszuhalten - kann es uns gelingen, dass wir unseren Horizont erweitern.

Und gerade deswegen müssen wir verstehen, dass nicht alle Menschen diesen Weg einschlagen wollen. Wir müssen begreifen, dass die Freimaurer kein elitärer Haufen voller intellektueller Denker sind, die etwas besseres sein wollen. Nein, es sind Menschen. Menschen voller Fehler und voller Zweifel. Menschen, die anderen Menschen in nichts nachstehen und genau wie sie auf einer langen Suche sind. Nur mit diesem Verständnis können wir wahre Menschlichkeit erschaffen und sie leben.

Manchmal verliert man dieses Ziel ein wenig aus den Augen. Manchmal fragt man sich, was diese ganzen Diskussionen, die Tempelarbeiten und die ganze Arbeit bringen sollen. Denken wir an den Steinmetz zurück, der Tag für Tag seiner Arbeit nachging und das fertige Gebäude niemals sehen konnte. So erscheint es mir als müssten wir gar nicht immer sehen was am Ende daraus wird. Viel wichtiger ist es, bei der Sache zu bleiben und sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. Diese Arbeit gelingt uns jedoch nur, wenn unsere Brüder, unsere Schwestern und unsere Partner an unserer Seite stehen. Daher gilt mein aufrichtiger Dank heute allen, die einen Freimaurer oder eine Freimaurerin an ihrer Seite haben und ihre Wege mit ihnen gehen.

 

Sie fordern und fördern uns – und leisten damit einen immensen Beitrag bei der Erschaffung von Erlebnissen, Gemeinschaft, Werten und Gegensätzen.